Felix Mendelssohn-Bartholdy: „Konzert für Violine, Klavier und Streichorchester d-moll“, „Sonate für Violine und Klavier F-dur“; Franco Gulli (Violine), Enrica Cavallo (Klavier), Kammerorchester des Angelicum Mailand, Leitung: Pierluigi Urbini; Schwann Musica Mundi VMS 2011; 25,– DM.

Scheu vor der Preisgabe des eigenen Ich, schonungslose Selbstkritik und geheime Furcht vor dem Richterspruch der Öffentlichkeit besiedelten oft genug das Schicksal früher kompositorischer Versuche. „Die ersten Hunde und die ersten Opern ersäuft man“, meinte einmal Carl Maria von Weber. Nicht nur Brahms jedenfalls ließ ganze Stapel eigener Manuskripte ein Raub der Flammen werden.

Doch gibt es Ausnahmen. Lückenlos erhalten geblieben sind uns die Jugendwerke Felix Mendelssohns. Wie sich hier traditionelle Stilelemente immer mehr verflüchtigen, wie sich der Frühreife immer mehr in musikalisches Neuland vortastet, ist reizvoll an ihnen abzulesen. Nach Ersteinspielungen von drei Streichersymphonien (Decca, Philips) und drei frühen Klavierkonzerten (CBS, Vox) legt Schwann nun ein Doppelkonzert aus dem Jahre 1823 vor.

Im Vollgefühl ihm zuwachsender Kräfte hat der Vierzehnjährige in diesem Konzert nach den Sternen gegriffen, von großartigen Einfällen quillt besonders der erste Satz über. Doch die sich hier stellende Aufgabe, den Anspruch zweier konzertierender Instrumente auf virtuose Parte einer fast symphonischen Entwicklung einzuordnen, überfordert noch das Gestaltungsvermögen des jungen Komponisten: Bald schon mit dem Einsatz der Soloinstrumente gerät er in den Sog eines brillanten Salonstils.

Eine Novität ist übrigens auch das zweite Werk der Schallplatte: die 1952 von Yehudi Menuhin im Nachlaß Mendelssohns aufgefundene Violinsonate F-Dur aus dem Jahre 1838.

Hans Christoph Worbs