Am 11. Mai hatte ein Kurier aus Ostberlin den Brief des DDR-Ministerpräsidenten Stoph im Bundeskanzleramt abgegeben. Am 13. Juni, mehr als einen Monat später also, reiste ein Beauftragter des Kanzlers nach Ostberlin, um die Antwort abzuliefern.

In seinem vier Seiten langen Brief hatte Stoph direkte Verhandlungen zwischen Bonn und Ostberlin vorgeschlagen, die unter anderm mit dem Ziel geführt werden sollen, normale Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten aufzunehmen und Vereinbarungen zu treffen über

  • die Anerkennung der gegenwärtig in Deutschland und Europa bestehenden Grenzen,
  • den Verzicht beider Staaten auf atomare Waffen,
  • die Herabsetzung der Rüstungsausgaben um die Hälfte.

Die Antwort Kiesingers beginnt mit der Anrede „Sehr geehrter Herr Vorsitzender“ und beschränkt sich auf etwa zwei Seiten. Den Forderungen Ostberlins wird entgegengehalten, daß das Prinzip des „Alles oder Nichts“ in den deutschen Fragen nicht weiterführe. Der Brief knüpft an die Regierungserklärung vom 12. April, an, in der Kiesinger sechzehn Vorschläge „zur Erleichterung des täglichen Lebens für die Menschen in beiden Teilen Deutschlands“, zur „verstärkten wirtschaftlichen und verkehrspolitischen Zusammenarbeit“ und für „Rahmenvereinbarungen für den wissenschaftlichen, technischen und kulturellen Austausch“ gemacht hatte.

In seinem Antwortbrief weist Kiesinger darauf hin, der innere Zusammenhalt des deutschen Volkes müsse gestärkt werden. Der Kanzler schlägt vor, daß beide Seiten Bevollmächtigte ernennen, die etwa über solche Fragen, wie sie in der Regierungserklärung erwähnt wurden, Gespräche führen sollen.

Der Text des Briefes wurde im Kabinett einstimmig gebilligt, und die Mehrheit der Bonner Politiker ist der Meinung, Kiesinger habe die richtige Antwort gefunden. Weniger glücklich sind SPD, FDP und ein Teil der CDU darüber, daß es solange gedauert hat, bis der Brief endlich abgeschickt wurde. Während die SPD in der Koalition auf rasche Erledigung gedrängt hatte, (Helmut Schmidt: „Uns Sozialdemokraten dauert das zu lange“), hatte ein großer Teil der CDU/CSU hinhaltenden Widerstand geleistet.

Diese Gruppe sträubte sich dagegen, daß Kiesinger Stoph in einem persönlichen Schreiben antworten wollte; als Ersatzlösung war ein Aide Memoire und eine Erklärung vor dem Bundestag erörtert worden. Als Kiesinger schließlich den Widerstand in seiner eigenen Partei überwunden hatte, gab die Nahostkrise den Briefgegnern noch einmal Gelegenheit, ihre Vorbehalte anzumelden. Barzel schilderte in der Haushaltsdebatte ausführlich, daß die politische Landschaft gegenwärtig für Entspannungsschritte nicht geeignet sei. Schmidt dagegen argumentierte, gerade jetzt sei es wichtig, die Entspannungspolitik der Bundesregierung zu unterstreichen.

Am letzten Wochenende schließlich gab Kiesinger seinem Brief den letzten Schliff. Die Antwort aus Ostberlin kann man sich jetzt schon vorstellen: zu spät und zu wenig. Den ersten Vorwurf hätte sich Bonn ersparen können.