Peter Hacks, der an Münchens Universität über das Volksstück des Biedermeier promovierte und fürderhin allerlei begabte, aber unverkennbar romantische Stücke in Brecht-Diktion schrieb, hat mich oft schon durch seine Naivität provoziert, mit der er seine liebenswert altmodisch eingefärbten Träume für Marxismus ausgab. Wo er jedoch nicht den Anspruch erhebt, marxistische Geschichtsinterpretation zu liefern, sondern einfach seinem biedermeierlichen Theatersinn nachgibt und Stücke für Kinder schreibt, wird die Sache stimmig, wenn auch natürlich noch harmloser als in seinen Dramen für die Erwachsenenwelt. Auf dem recht komplizierten Gebiet des Politischen mag Naivität ärgerlich sein, im Genre des Kinder-Theaters ist sie angebracht.

In Dortmunds Kleinem Haus ging am Samstag sein „Kasimir der Kinderdieb“ in Szene und vergnügte die Kinder aufs charmanteste. Siedelt Hacks doch sein Stück, ohne ironische Brechung, in jener skurril altmodischen Kleinbürgersphäre an, die uns, bereits damals schon mit ironischer Brechung, Pocci, Raimund und Nestroy bescherten.

In seinem „Kasimir“, der zwar nicht im 19. Jahrhundert, sondern heute spielt, geht es unverhohlen biedermeierlich zu. Da ist eine verträumte kleine Stadt Hinterzipfelsheim mit schnurrigen Handwerkertypen, deren Tätigkeit vornehmlich in Essen und Schlafen besteht, zwei dummen Polizeibeamten, einer Karikatur von Prügelstrafen-Lehrer in Frack und Knebelbart und einem pfiffigen Bürgermeisterssohn Billy, der sich in diesem Milieu verständlicherweise langweilt, Fünfzig-Pfennig-Western liest und auf Abenteuer sinnt. (In der FDJ scheint er nicht beschäftigt.) Er schreibt einen Brief an die Polizei, in dem er sich als den schrecklichen Kinderdieb Kasimir annonciert.

Die Ordnungshüter fallen, ihrer mäßigen Intelligenz entsprechend, sofort darauf herein und verhaften, sekundiert von den Spitzwegtypen des Bäckermeisters Krams und des Metzgermeisters Krams als freiwillige Funkstreife, statt des Übeltäters Billy den Pädagogen Nepomuk Stock, der von Billys Vater eigens zur Erziehung des Sohnes telegraphisch ins Städtchen beordert worden war. Da er sich glaubwürdig kinderfeindlich gebärdet und dauernd mit dem Stock droht, hält man ihn für den Kinderdieb.

Billy klopft das Gewissen, aber da in Deutschland die Polizei immer recht hat, reagiert sie nicht auf seine Selbstbezichtigung. Erst sein Freund Heinrich, ein sanfter Musterknabe in blauem Samtanzug und Nickelbrille, der immerzu den Dummen spielt, sich aber als sehr gerissen entpuppt, weiß die Polizei mühselig zu überzeugen und kassiert dafür den ausgesetzten Lohn von hundert Mark. Ende gut, alles gut.

Billy wird natürlich geschont, denn er ist ja der Bürgermeisterssohn. Und wie bei Mozart versammeln sich zum Schluß alle Personen auf der Bühne und geloben Besserung, bei Hacks in Songs mit Wanzenklavier: Billy entsagt dem „Schund aus USA“, dem inzwischen sein Vater anheimgefallen ist; dieser wiederum verspricht, seinen Sohn zu erziehen, um den er sich dreizehn Jahre nicht gekümmert hat; der Lehrer Stock will, seines Namens ungeachtet, die Prügelstrafe abschaffen. Der sanfte Knabe Heinrich aber hat für sein Honorar einen Esel gekauft, mit dem sich dann die einzelnen vergleichen können. Die Kinder im Saal hatten entsprechend Spaß und applaudierten heftig.

In der Tat, es war eine hübsche Inszenierung (Hans Keller), in der besonders die Darsteller des Heinrich (Michael Autenrieth), des Pädagogen Stock (Hans Rührdanz), des Bürgermeisters (Fritz Albrecht) und des Polizisten Kuno (Wolf Dietrich Berg) hervorragten, dessen Dummheit zum allgemeinen Vergnügen nicht nur verbal, sondern auch noch durch einen winzigen Poposcheitel unterstrichen wurde.