G. S., Rhöndorf

Etwas weniger wäre mehr gewesen“, klagt ein Rhöndorfer Pensionär und meint damit nicht etwa das angebliche 20-Millionen-Erbe des Alten, das die Familie als „reine Phantasie“ dementierte, sondern den Pilgerstrom, der kurz nach dem Tode von Konrad Adenauer zur Grabhuldigung nach Rhöndorf aufbrach und seither nicht mehr abriß. Ein anderer Rhöndorfer, der, weil er zur Prominenz des Ortes gehört, ungenannt bleiben will, spöttelt zynisch: „Bei diesem Rummel wird es nicht mehr lange dauern, bis das erste Wunder am Grab geschieht.“

Ob nun Wunder oder nicht – Rhöndorf braucht nicht länger neidisch zu sein auf den benachbarten Rhein- und Weinort Königswinter, dessen Bürger ein gut Teil ihrer Einnahmen dem unaufhaltsamen Strom weinseliger Wochenendtouristen aus ganz Deutschland und anliegender Grenzlanden verdanken. Neuerdings steigen sie auch in Rhöndorf ab. In Bussen kommen sie, aus Schleswig-Holstein und aus Oberbayern. Clevere Unternehmen aus Köln haben unterdessen sogar einen Pendelverkehr nach Rhöndorf eingerichtet, zwischen zehn und zwanzig Mark, inklusive Grabbesichtigung. Die früher vom „Alten“ so geschätzte Feiertagsruhe ist dahin, denn jeder möchte einmal die rund 150 Stufen zum Rhöndorfer Waldfriedhof pilgern, das blumengeschmückte Grab des großen Deutschen knipsen und mit dem Gefühl nach Hause gehen, ihm nahe gewesen zu sein.

Die Hinterbliebenen – Sohn Georg wohnt mit seiner Familie in Rhöndorf – klagen derweil, daß sie nur noch morgens um halb sechs zum Vater gehen können; später muß man sich drängen und dazu wohl noch bestaunen lassen. Der Bad Honnef/Rhöndorfer Stadtdirektor Dr. Wahl, dem neben den städtischen Belangen auch die des Friedhofs obliegen, bestätigt mit gemischten Gefühlen, was sich in seinem Amtsbezirk tut: „Wir mußten die Zufahrtstraßen zum Friedhof für den Autoverkehr sperren. In den ersten Tagen war es so, daß niemand mehr hinaufkam und niemand mehr herunter. Es ist ein ständiges Gehen und Kommen.“

Die von der Stadt befürchteten Pietätlosigkeiten sind zur Erleichterung des Ortsoberen ausgeblieben. Sie hatten vorgebeugt und eine Art Bannmeile für fliegende Händler errichtet. Die Postkarten- und Andenkenverkäufer haben dennoch günstige Standplätze gefunden, um ihr Geschäft zu machen – das „Geschäft unseres Lebens“, wie Bäckermeister Profittlich die Wallfahrten sinnreich kommentiert. Sogar ein Chauffeur aus dem Bonner Bundespresseamt gesellt sich in seiner Freizeit unter die Kartenverkäufer und freut sich über den außerdienstlichen Umsatz.

Die Rhöndorfer selbst nutzen die Konjunktur nicht minder, sofern sie nicht zu den Pensionären gehören, denen der Rummel ihren Altensitz gründlich vergällt hat. Die Gastronomen und Cafehausbesitzer dagegen denken eher an steigenden Umsatz und richten sich auf den künftigen Mehrbedarf ein. Sie bauen fest darauf, daß das Adenauer-Haus in eine Gedenkstätte oder gar als Museum umgewandelt wird.

Der Bäcker und Konditor Karl Heinz Profittlich dagegen will noch höher hinaus. Solange Rhöndorf weltliches Wallfahrtzentrum ist, kommt das der Verwirklichung väterlicher Pläne sehr gelegen. Profittlich, einst CDU-Mitglied, dann nach politischem Streit mit Adenauer-Sohn Georg im Stadtrat „freier Bürger“ – dem das Verdienst zukommt, die absolute CDU-Mehrheit gebrochen zu haben – hofft, nun endlich das Plan-Soll seines Vaters, Peter Profittlich, zu erfüllen: eine Seilbahn zur Erschließung des Siebengebirges.