Von Eka von Merveldt

Einen Hauch von Verwegenheit und Abenteuer brachte jener spanische Pilot Rodolfo Bay, Präsident der Chartergesellschaft Spantax, mit sich, der sich verfranzte und kürzlich mit 124 Ferienfluggästen aus Mallorca an Bord des Düsenflugzeugs „Coronado“ mit Bravour auf dem Werkflugplatz der Hamburger Flugzeugbau GmbH in Finkenwerder vor der Elbe landete und glaubte, es sei der Hamburger Lufthafen Fuhlsbüttel. Und eben diesen Abenteurersinn schienen auch die 80 Flugpassagiere zu haben, die nach wenigen Stunden mit dem verwegenen spanischen Piloten in den Süden starteten. Er hatte inzwischen die Maschine nach Fuhlsbüttel gebracht, leer diesmal, denn sein Trachten, mit den Fluggästen von Finkenwerder auch noch den Start auf der zu kurzen Piste zu wagen, war von der Luftaufsichtsbehörde vereitelt worden. Eine improvisierte Zollabfertigung hatte die Gäste vor den Toren Hamburgs entlassen.

Aber nur zwei Tage später erstickten die beiden Unfälle englischer Charterflugzeuge mit 160 Toten – die eine verunglückte in Perpignan, die andere bei Manchester – das Gelächter über die Groteske in Hamburg, wo der Spanier, ein erfahrener und hervorragender Flieger, durch eine einzige leichtfertige Tat in seiner Karriere Menschenleben aufs Spiel setzte, obwohl er gekommen, war, vor eingeladenen Journalisten die Zuverlässigkeit seiner Gesellschaft zu demonstrieren.

Das eben ist die Misere, die diese jüngsten Ereignisse schlagartig beleuchtete: Es ist kein Platz mehr für Abenteurer und Hasardeure; aber obwohl internationale, nationale und hausinterne Sicherheitsbestimmungen einzelner Gesellschaften den sprunghaft zunehmenden Verkehr in der Luft überwachen, ist das Risiko und der Leichtsinn ebensowenig auszuschalten wie im Straßenverkehr, Es ist der Fluch der Technik, aber auch die Tragik, daß auf diesem Feld menschliche Eigenschaften, bestehende Vorschriften zu umgehen, beiseitezuschieben, todbringend wirken. Überall gibt es schwarze Schafe. Erinnert sei an das Wort eines großen amerikanischen Unternehmers: „Wenn nicht jeder Geschäftsmann die Grenze des Erlaubten voll ausschöpfen würde, könnte es um alles besser bestellt sein.“

Immerhin, es geht auch so. Nicht aber in der Fliegerei, die zu einem gewaltigen Wirtschaftszweig geworden ist. Wo Sicherheitsvorschriften nicht genau eingehalten werden, Fälschungen möglich sind, drohen Katastrophen.

Unfälle, die sich in letzter Zeit häuften im Charterverkehr – vom Disaster der Globe Air bis zu den jüngsten Abstürzen der Engländer –, haben diesen Flugverkehr zu billigen Preisen besonders anrüchig gemacht. „Immer diese Chartermaschinen ...“ hieß es in vielen anklagenden Veröffentlichungen, berechtigten und übertriebenen. Zweifellos wird in dieser Branche besonders knapp kalkuliert, ist deshalb die Verlockung groß, fünf gerade sein zu lassen, die Leistung der Maschinen aufs äußerste auszunutzen, bis an die Grenzen der Legalität zu gehen, was Überholung und Wartung der Maschinen angeht, und die Ausbildung der Piloten zu verkürzen. Und zweifellos hat die Woge des Flugtourismus auch schwarze Schafe hochgetragen, die es mit der Verantwortung nicht so genau nehmen und jedes Geschäft machen wollen und sei es mit den ältesten, verbrauchtesten Maschinen, obwohl es doch jedem Autofahrer bekannt ist, daß man aus einem alten Auto, einem technischen Apparat also, nicht mehr so viel herausholen kann und es nicht so belasten kann wie seinerzeit, als es neu war.

Was zu gewissen Entwicklungen im Charterverkehr zu sagen war, haben wir schon frühzeitig im Oktober 1966 gesagt. Mein Beruf ist das Reisen, und manchmal komme ich mir vor wie der Reiter über den Bodensee. Ich erinnere mich noch, daß ich im Jahre 1958 von den Lockheed-Werken zu einem Demonstrationsflug ihrer neuen Maschine „Electra“ über Hamburg eingeladen wurde. Der Pilot stellte, um die Qualität dieser Maschine, die eine der letzten Kolbenflugzeuge vor der allgemeinen Einführung der Düsenmaschinen war, und wohl auch seine Künste glänzen zu lassen, in der Luft erst einen, dann zwei und schließlich drei Triebwerke ab, so daß den überraschten Passagieren übel wurde vor Aufregung und ich die leicht hysterische Frage nicht unterdrücken konnte, ob der Pilot nicht auch den vierten Motor abstellen könnte. Aber erst als wenig später mehrere „Electras“ abstürzten und vom Werk ein Geburtsfehler der Maschine festgestellt wurde, der Umbauarbeiten an allen diesen Flugzeugen nötig machte, erkannten wir Teilnehmer jenes Demonstrationsfluges das Ausmaß unseres Abenteuers.