Der Feldzug der sechs Tage im Urteil eines Schweizer Militärexperten

Von Oberst Hans Rudolf Kurz

„Israel ist von allen Ländern, die ich je besucht habe, dasjenige, das am stärksten militärisch-soldatisch denkt. Es ist dies ein völlig natürliches Ergebnis seiner gefährdeten strategischen Lage inmitten eines feindseligen Rings arabischer Länder.“ Liddell Hart

Der Feldzug der sechs Tage, den eine staunende Welt in der letzten Woche erlebt hat, war in jeder Beziehung außerordentlich. Eine abschließende Darstellung und Bewertung ist heute noch nicht möglich. Dazu fehlen noch zu viele Unterlagen über operative Ziele und militärische Absichten der beiden Kriegsparteien, genaue Ortsangaben, beteiligte Truppenteile, ihre Stärken und Ausrüstung, Angaben über den Ablauf der Kampfhandlungen oder über Verluste. Auch sind die bisher vorliegenden Berichte vielfach widersprüchlich und zum Teil tendenziös entstellt; bewußte Tatsachenverdrehung und Lüge haben noch selten in einem Krieg solche Blüten getrieben, wie in dem von hemmungslosen Leidenschaften erfüllten jüngsten Kampf um Israel. Doch können heute bereits erste Folgerungen aus dem Kriegsgeschehen im Nahen Osten gezogen werden.

Es ist paradox, daß sich die Betrachtung der Kriegsereignisse der letzten Woche im wesentlichen auf Israel beschränken kann – paradox darum, weil Israel diesen Krieg nicht gesucht und ihn auch nicht aktiv geplant hat. Dieser Krieg ist zugestandenerweise von den Gegnern Israels von langer Hand als Vernichtungs- und Ausrottungskrieg geplant und vorbereitet worden. Israel wurde dabei eine rein passive Rolle zugedacht; für die Aggressoren stellte sich höchstens die Frage, wie lange es den überlegenen Kräften der arabischen Verbündeten zu widerstehen vermöge. Israel hat sich aber keinen Augenblick in diese Rolle begeben. Vom ersten Moment der Kampfhandlungen an hat es die volle Initiative ergriffen und sie bis zum Ende der Kämpfe niemals aus der Hand gegeben. Es hat diesen Krieg in allen seinen Phasen vollständig beherrscht und ihn ausschließlich nach seinem Willen geführt. Dieser Krieg war Israels Krieg – die Aggressoren sind nie dazu gekommen, Einfluß auf sein Geschehen zu nehmen.

Abwehr – nur offensiv

Die israelische Feldzugsführung hat abermals aus der Not eine Tugend gemacht. Die militärisch unmögliche Grenzgestaltung des langgezogenen Landes mit seiner gefährdeten Wespentaille in der Mitte sowie die fast vollständige Ringsumbedrohung an allen Landfronten zwingen die israelische militärische Führung zu einem offensiven Kampf. Eine statische Verteidigung hinter einer oder mehreren Frontlinien oder in einer Art von Zentralraum ist von vornherein nicht möglich, da einer solchen Stellung jede Tiefe fehlen würde. Die 950 Kilometer lange Grenzfront kann in einer reinen Defensive niemals gehalten werden. Israel muß seine Abwehraufgaben offensiv lösen und der gegnerischen Aktion zuvorkommen, solange sie das Land noch nicht erreicht hat, wobei es den Vorteil der „inneren Linie“ besitzt. Allerdings muß es dabei die politische Belastung, die in einem solchen Präventivangriff liegt, in Kauf nehmen.