Von Jörg Andrees Ehen

Tel Aviv, im Juni

Heute morgen kam der Etagenkellner in mein Hotelzimmer und brachte das Frühstück. Ich hatte ihn seit einiger Zeit nicht gesehen. Wo er denn gewesen sei, fragte ich ihn. „Ja“, sagte er, „wo werd ich gewesen sein? Ich habe gegeben den Ägyptern eins auf den Hut.“ Er war vor neun Tagen von der letzten Mobilmachungswelle erfaßt worden. Inzwischen war er bei der Schlacht von El Arish dabeigewesen, mit einem Jeep bis Kantara vorgeprescht, hatte seine heißen Füße im öligen Wasser des Suezkanals gekühlt und war sofort wieder nach Hause entlassen worden. Die Armee kann nach dem Sieg Kräfte sparen; die Touristenindustrie braucht sie.

So nimmt er schon wieder die Bestellungen der Gäste entgegen, so als sei überhaupt nichts gewesen. Das große Hotel an der Wasserfront von Tel Aviv, das zu Anfang des Krieges wegen Gästemangel fünf Etagen schließen mußte, hat übrigens inzwischen starken Zulauf erhalten. Eine zweite Invasion von Journalisten aus aller Welt hat sich in die Korridore ergossen. Presseoffizier Bandit, ein grauhaariger, liebenswürdiger Reservist, fungiert als Journalisten-Reiseonkel und bietet eine große Auswahl von Ausflugsorten an: Mit dem Flugzeug nach Scharm el Scheich an der Meerenge von Tiran, mit Autobussen nach Jerusalem, Gaza, El Arish, Kantara und nach Jericho. Nun, da Israel den spektakulärsten Blitzsieg seit den Zeiten Napoleons gewonnen hat, holen die Public-Relations-Manager der kleinen Elitearmee noch das letzte an Publicity für ihr kleines Land heraus.

Israel braucht in den kommenden Monaten die Sympathien der Welt so dringend wie kaum je zuvor. Denn es wird nicht leicht sein, die Früchte des militärischen Sieges mit der Waffe der Diplomatie zu erhalten. Mit einem starken Selbstbewußtsein, das sich aus dem Stolz über gewonnene Schlachten nährt, schickt sich der Judenstaat an, all seinen geschlagenen Gegnern harte Opfer abzuverlangen.

Über Jerusalem wird schon gar nicht mehr gesprochen, seit Verteidigungsminister Mosche Dayan, in Israel zum zweitenmal als Retter der Nation gefeiert, im Gebet an der Klagemauer gesagt hat: „Wir sind gekommen, um die Stadt nie wieder zu verlassen.“ Die Stadt ist endgültig „wiedervereinigt“. Aber auch die östlichen Gebiete Palästinas, westlich des Jordanflusses, will Israel nicht mehr herausgeben. Und erst recht nicht den Gaza-Streifen, der wie ein Dorn in israelisches Staatsgebiet vorstößt.

Wird die Welt diese ehrgeizigen Ansprüche hinnehmen? Von den kommunistischen Ländern ist das sowieso nicht zu erwarten. Werden wenigstens die westlichen Großmächte den Israelis ihre Kriegsbeute gönnen? Während die Begeisterung, der volle Siegesrausch, langsam abklingen, bereitet sich in Israel Sorge aus, daß die weltpolitische Konstellation eine nahöstliche Friedensregelung im Sinne der israelischen Forderungen nicht zulassen könnte. Israel hat im Dreifrontenkrieg gegen seine überlegen gerüsteten arabischen Nachbarn allein gestanden. Nun fürchtet es, daß es auch am Verhandlungstisch nur lauwarme Verbündete finden wird.