Von Georges-Louis Puech

Ich bin Deutschland sozusagen viermal begegnet. Das erstemal im Oktober 1945. Von Straßburg nach Kehl benutzte man eine provisorische Brücke. In Kehl, am Ende der Hauptstraße, kontrollierten deutsche Zöllner in grünen Uniformen die Pässe. Eine Französin: „Ach, schon wieder diese grünen Uniformen; von denen haben wir doch genug gesehen.“ Ich war sieben Jahre alt.

Dann begegnete ich Deutschland in der Schule, das dritte Treffen fand im Kino statt. Deutschland in (meistens) amerikanischen Kriegsfilmen: düstere Städte, Trümmer, leere Schaufenster mit gotischer Schrift, Frauen mit dicken Strümpfen, Männer mit abgewetzten Doppelreiheranzügen, die in Kneipen Bier tranken und ganz offensichtlich das Parteiabzeichen am Revers trugen.

Dann kam ich in die Bundesrepublik, mit Klischees im Kopf, die nicht mehr stimmten. Und jetzt sah ich die DDR. Als ich das erstemal in ein Lokal kam, überraschte es mich, eine Gruppe von Männern zu sehen, angezogen wie in diesen alten amerikanischen Filmen, fast alle ein (das) Parteiabzeichen im Knopfloch.

Ich lernte einen älteren Mann kennen. Vor ein paar Monaten, erzählte er, sei er mit einer Gruppe französischer Arbeiter zusammengewesen. Die hätten als Geschenk kleine Eiffeltürme mitgebracht und sich später aus Paris mit Postkarten bedankt. „Die Zeiten haben sich geändert“, fügte er hinzu, „in der Schule habe ich noch gelernt: ‚Siegreich wollen wir Frankreich schlagen.‘ Wer heute so etwas sagte, würde als Verbrecher gegen den Frieden verurteilt.“

Er fragte mich, wohin ich jetzt führe. Nach Quedlinburg? „Da war ich mal als junger Mann. Schöne Stadt.“

Quedlinburg ist wirklich eine hübsche kleine Stadt. Läge sie im westlichen Teil des Harzes, wäre sie eine touristische Attraktion: Man würde alle zwei Jahre die Häuser neu streichen, und wahrscheinlich verlören viele dieser Häuser im niedersächsischen Stil ein bißchen von ihrem Charakter.