100 Jahre Union-KlubEine geschlossene Gesellschaft von Gentlemen

Von Walther F. Kleffel

Begonnen hat die Geschichte vor hundert Jahren in Berlin im Hotel de Rome Unter den Linden. In diesem wohlrenommierten Haus trafen sich am 15. Dezember 1867, einem Sonntag, sechsunddreißig ehrenwerte Herren jeglichen Alters, die die Liebe zum Pferd, zum Vollblüter und seinem Sport vereinte. Der Zweck der Zusammenkunft war, eine Gemeinschaft zu gründen, die Ordnung und System in den buntscheckigen Betrieb des deutschen Rennwesens bringen sollte, das sich vom schleswig-holsteinischen Flensburg bis zum bayerischen München, vom ostpreußischen Königsberg bis zum rheinischen Köln, vom schlesischen Breslau bis zum badischen Baden-Baden mit fünfzig Rennvereinen und ebenso vielen Rennplätzen erstreckte. Auch die Zucht von Vollblutpferden sollte auf einen gemeinsamen und verbindlichen Nenner gebracht werden, wobei man sich des englischen Vorbildes bedienen wollte, das schon die Freiherren Gottlieb und Wilhelm v. Biel Anfang des Jahrhunderts zur Aufnahme einer Vollblutzucht und Veranstaltung von Rennen in ihrer mecklenburgischen Heimat angeregt hatte.

Die Idee stammte von einem Sportjournalisten namens Fedor André, der der Verleger der Fachzeitschrift „Der Sporn“ und dazu als Husaren-Reserve-Offizier auch ein tüchtiger Rennreiter war.

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Über die Gründungsversammlung gibt es nicht viel zu berichten. Da sich alle Versammelten im Gedanken und im Willen zur Tat einig waren, wurden die Präliminarien unter der Leitung des Sitzungsältesten, Gestütsdirektor Friedrich Freiherr v. Maltzahn-Vollrathsruhe, schnell erledigt, so daß man sofort zur Wahl des Präsidenten des neuen Klubs schreiten konnte. Man kürte den nach Namen und Rang Würdigsten: Seine Durchlaucht Friedrich Wilhelm Eugen Carl Hugo Fürst zu Hohenlohe-Oehringen, Herzog zu Ujest, Senior des Gesamthauses Hohenlohe, erbliches Mitglied des Preußischen Herrenhauses, Königlich Preußischer General der Infanterie à la suite der Armee, Ritter des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler. Höher ging’s wirklich nicht.

Auch über den Namen einigte man sich schnell. Er war mit Bedacht gewählt worden. In ganz Deutschland sollte der Klub seine Tätigkeit entfalten und einen engen Zusammenhalt aller Interessenten herbeiführen. Dieser Wille sollte auch im Namen zum Ausdruck gebracht werden. Die Gründer waren keine geistlosen Krautjunker oder sture „Pferdeköpfe“, sondern meist humanistisch gebildete Leute, die sehr wohl ihr Latein noch beherrschten und wußten, was unio bedeutete: Einigung. So legte man sich auf den Namen Union-Klub fest.

Bismarck trat sofort der neuen Vereinigung bei und wurde einer ihrer energischsten Förderer. Er scheute sich nie, den Weg von Berlin zu der neuen Rennbahn Hoppegarten in der Eisenbahn zurückzulegen, was immerhin mindestens eineinhalb Stunden dauerte. Das Interesse des Staatsmannes an dem Union-Klub konnte keinen wundernehmen, war doch die Mehrzahl der Gründungsmitglieder seine politischen Kampfgenossen. Gerade eben erst war der Norddeutsche Bund ins Leben gerufen worden, hier nun auf dem neutralen Boden des Sports, erfolgte ein weiterer bezeichnender Schritt im Sinne des Reichsgedankens, der vier Jahre später freilich nur in der kleindeutschen Lösung seine Verwirklichung fand.

Die großen Verdienste des Union-Klubs um die deutsche Pferdezucht und ihre Leistungsprüfungen (Rennen) im einzelnen sind unbestritten. Begnügen wir uns festzustellen, daß ohne ihn beide niemals die Höhe erreicht hätten, auf der sie vor dem Ersten Weltkrieg und danach wieder in den Jahren bis zur zweiten Weltkatastrophe gestanden haben. Das war darauf zurückzuführen, daß der Klub sich nicht nur mit guten Ratschlägen begnügte, die er den Züchtern, Rennstallbesitzern und Rennvereinen gab, sondern daß er auch aktiv in alle wichtigen Dinge eingriff. Er besaß ein eigenes Gestüt, er baute in Hoppegarten bei Berlin eine der besten Rennbahnen zu jener Zeit, der bald eine große Trainingszentrale angegliedert wurde, die sich auch gegenüber dem englischen Newmarket gut ausnahm. So erfahrene horsemen wie Aga Khan, Lord Derby, der Franzose Boussac, der Italiener Tesio und der in Paris wohnende Deutsch-Amerikaner Strassburger, die alle einen großen internationalen Ruf besaßen, haben das den Männern des Union-Klubs immer wieder bestätigt.

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