Knigge im Katalog Der neue Stil: knallige Bilder, trockene Texte

Die Werbekataloge der Reiseunternehmen sind auch für den Winterurlaub 1967/68 wieder farbenprächtig und zugkräftig ausgestattet, um zum Reisen und zu möglichst weiten Reisen zu verlocken: Sex am und im Wasser auf den Titelblättern, gischtende Meereswellen, Flugzeuge in Schockfarben und die ganze Welt in bunten Bildern, von der Air-Safari in Afrika und dem Schnee in der Hohen Tatra bis zum tätowierten Amazonas-Indianer. Abgenutzte Worte wie „Traumreise“, „Insel der Sehnsucht“, „Reise des Jahres“ scheinen doch noch Wirkung zu haben, und manche Ankündigungen geben weniger Auskunft über den Wert der angepriesenen Reisen als über den Geist des Unternehmens und die Interessen und Emotionen der Angesprochenen, der Konsumenten.

„Sie brauchen keine Millionäre zu sein, um wie ein Millionär zu reisen“, heißt es im Quelle-Katalog, und die Chartergruppenreise des gleichen Unternehmens nach Kamerun wird nicht nur als neu, sondern auch als „exklusiv“ angekündigt. Und wie heißt die Steigerung von „exklusiv“? Die Bahamas und Florida sind „die exklusivsten Badeparadiese der Welt“. Wenn das die Mexikaner in Acapulco und die Polynesier auf Tahiti wüßten!

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„Unabhängig von Zeit und Protokoll – Dinner im Bikini“, heißt die Losung bei Hummel, „braun werden“ bei Touropa und weiter vielversprechend „auch Ihre Nachbarn im Hotel werden Ihnen gefallen – Individualisten wie Sie, genauso anspruchsvoll und verwöhnt wie Sie und sympathisch, sehr sympathisch“.

Und doch kann man beim Vergleich der Prospekte feststellen, daß die Sprache im allgemeinen sachlicher, der Inhalt informativer geworden ist. „Billiger als zu Hause“ kündigt Transeuropa Winterferien auf Mallorca an. Schon ab 320 Mark für Übernachtung und Frühstück kann der Urlauber fünf Wochen lang auf der Insel leben (für 9 Mark pro Tag also mit Flug und Unterkunft).

„Sie sparen bis zu 60 Mark“ – so wird, die allgemeine Tendenz zur Sparsamkeit einkalkulierend, darauf hingewiesen, daß in den Preistabellen ein Abzug in der Wintersaison je Person und Woche zu berücksichtigen ist. Beim Prüfen der Preise ist übrigens in den neuen Katalogen darauf zu achten, daß mehr als bisher in den Pauschalen nur die Übernachtung und das Frühstück eingeschlossen sind, nicht die Vollpension.

Und die Sicherheit des Transportes mit modernen Flugzeugen wird eindringlich betont. Scharnow rühmt sich, das größte deutsche Jet-Programm dieses Reisewinters zu haben. Die erfahrenen deutschen Chartergesellschaften Condor, Südflug und LTU werden wegen ihrer Zuverlässigkeit gerühmt: „Namen, die für Sicherheit bürgen.“ Die Prospekte bemühen sich, Qualitäten sorgfältig edierter Reiseführer zu entwickeln. Die Beschreibung der Hotels und der Landstriche wurde genauer. Der Tigges-Prospekt, der profund, ohne Anbiederung und sehr sachlich ist und nur einmal, aber dann gezielt und glaubhaft, von einer paradiesischen Landschaft im Golf von Siam spricht, hat sogar eine Tabelle mit Angaben über die verlangten Pässe, Visen und Schutzimpfungen in 19 Ländern hinzugefügt.

Fürsorglich und betulich wie der alte Baedeker 1911 gibt der Touropa-Katalog Ratschläge für das Benehmen unterwegs. Einst hieß es in Baedekers Italienführer: „Während die meisten Reisenden sich in Oberitalien und Rom bald an die von den unseren abweichenden Verhältnisse gewöhnen, bedarf der Verkehr mit dem Volk im Süden des Landes eines gewissen Studiums. Die Dreistigkeit der Kutscher, Bootsführer, Fachini und anderer Leute, mit denen man in Berührung kommt, pflegt namentlich in Neapel und seiner Umgebung auf den mit der Art des Volkes nicht vertrauten Neuling geradezu abstoßend zu wirken. Bei allen Verhandlungen ist unerschütterliche Ruhe die größte Tugend. Damen ohne Begleitung werden Ausflüge in einsame Gegenden selbst im Wagen unterlassen.“ 1968 ist im Touropa-Katalog ein Knigge für Kenia zu lesen: „So zahlreich wie die Rassen und Religionen, so bunt zeigt sich das Leben auf den Straßen, so verschieden stehen die Gotteshäuser friedlich nebeneinander, so vielfältig sind die Sitten und Gebräuche und – es ist nicht ganz einfach, das ‚gewußt wie!‘ Photographieren Sie nie, ohne vorher freundlich und höflich um Erlaubnis gebeten zu haben. Sie können sonst in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Bei den afrikanischen Einwohnern helfen manchmal ein oder zwei Schilling gegen die Furcht vor der Kamera. Sie dürfen in unseren Strandhotels den lieben langen Tag im Bikini herumlaufen. Wenn Sie aber in die Dörfer und Städte kommen, ziehen Sie sich bitte etwas über – auch wenn die Giriama-Frauen an der Küste nach wie vor mit ‚Oben ohne‘ und Baby auf dem Rücken spazierengehen. Die ganz in schwarze Tücher gehüllten Araberfrauen könnten es nicht verstehen, daß sich eine weiße Frau so erniedrigt, sich halbnackt auf der Straße zu zeigen. Die Vorherrschaft der Weißen ist vorbei, das Wort ‚Boy‘ gehört der Vergangenheit an. De: Kellner im Restaurant wird ‚Walter‘ gerufen, der Zimmerkellner ‚Steward‘.“

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