Lieber Herr Kohout,

in der letzten Ausgabe der ZEIT antworteten Sie auf meinen Offenen Brief an den Staatspräsidenten Novotny. Da der Anlaß unserer Briefe kein „nur“ privater ist, sondern das öffentliche Interesse sucht und findet, erlaube ich mir, Ihner. offen zu antworten.

Inzwischen haben sich Gerüchte verdichtet, die, bei aller partiellen Widersprüchlichkeit, eines gemeinsam vermuten oder zu beweisen versuchen: es handle sich bei dem Manifest der tschechoslowakischen Schriftsteller und Wissenschaftler um ein „sogenanntes“ Manifest. Der Schriftstellerverband Ihres Landes hat die Echtheit des Dokumentes bestritten. Sie sagen in Ihrem Brief: „...ich glaube nicht an seine Existenz Genauer gesagt – an eine Existenz in der Form, die so geheimnisumhüllt die Sunday Times ihm verliehen hat und in der es nun durch Europa, wandert.“

Da sich die Sunday Times nicht bemüht, die Authentizität des Manifestes zu beweisen, vielmehr eine westdeutsche und wenig glaubwürdige Tageszeitung – Die Welt – als Zeugen zitiert, überwiegen bei mir die Zweifel. Wie ich mehr und mehr annehmen muß, habe ich mich zwar nicht leichtfertig, aber gewiß leichtgläubig auf die Sorgfaltspflicht englischer Journalisten, auf die Sunday Times verlassen. Wenn mein Offene Brief an den tschechoslowakischen Staatspräsidenten nun ohne Grundlage ist, weil ich eine: Fälschung, einer Verfälschung oder einer zynisch verbreiteten Fiktion aufgesessen bin, wird sein Anlaß hinfällig; denn nur aus der direkt an mich gerichteten Bitte der tschechoslowakischen Schriftsteller, für ihre Sache zu plädieren, konnte ich das Recht herleiten, offen an den Staatspräsidenten Novotny zu schreiben. So freundlich Sie bereit sind, meinen Brief dennoch als Gesprächsgrundlage zu werten, es bliebe mir die fatale Gewißheit, durch Leichtgläubigkeit Schaden angerichtet zu haben. Soviel ist gewiß: Wenn ich Schaden angerichtet habe, werde ich versuchen, ihn zu beheben. Lassen Sie mich damit beginnen, indem ich unser Gespräch fortsetze, damit es der gemeinsamen Sache nützlich sein möge.

Denn so grundsätzlich verschieden die Gesellschaftssysteme sind, in denen wir aus freiem Entschluß leben, so unbeirrt Sie an der Verwirklichung der Sozialistischen Revolution arbeiten, so zäh ich, zwischen Niederlagen, an der evolutionären Entwicklung der Parlamentarischen Demokratie festhalte und gleichfalls arbeite, einig werden wir uns, trotz dieser Gegensätze, in der Hoffnung auf einen humanen Sozialismus finden, der den Zweifel, also den Motor aller Kritik, nicht nur zuläßt, sondern als Grundlage seiner Lehre anerkennt, der nicht Angst erzeugen muß, damit Ordnung entsteht.

Wenn Sie erlauben, gehe ich davon aus, daß die Sozialistischen Volksrepubliken sich, vergleichbar mit den christlichen Kirchen im Verhältnis zur Lehre Christi, von ihrer Grundlage, ohne sie sinnvoll weiterzuentwickeln, entfernt haben, indem sie den wissenschaftlichen Marxismus zuerst als Ideologie mystifizierten und dann als Dogma erstarren ließen. Schon zu Lenins Zeiten wurde jeder Versuch, den Marxismus als wissenschaftliche, also ausschließlich rational zu verändernde Lehre zu werten, brutal unterdrückt und als Revisionismus diffamiert. Da es mir nicht darauf ankommen kann, die Kontroverse zwischen Lenin und Rosa Luxemburg als Beweis zu strapazieren, erlaube ich mir, auf einen Vorgang hinzuweisen, der die verhängnisvolle Selbstbeschränkung der Sozialistischen Volksrepubliken in diesem Jahrzehnt belegt: Der – seit Lukács – bedeutendste marxistische Wissenschafter innerhalb der Sozialistischen Volksrepubliken, Leszek Kolakowski, wurde erst kürzlich aus der Partei ausgeschlossen. Kolakowski geht davon aus, daß die marxistische Theorie der Entfremdung durch das Unfehlbarkeitsdogma der Partei ersetzt worden ist. Ich zitiere aus „Der Mensch ohne Alternative“, um der Gefahr zu entgehen, vom nur „westlichen“ Standpunkt aus interpretieren zu wollen: „Die Entwicklung des Marxismus aber hat die Wissenschaft in eine Mythologie und in eine weiche Materie verwandelt, aus der das Rückgrat der Vernunft entfernt worden ist. Sie wirkte nach denselben Schemata, die für die Ideologie typisch sind, verbarg sich aber dabei auf Grund ihrer Tradition hinter einer wissenschaftlichen Fassade. Das Resultat davon war das Streben nach einer Totalisierung der Kultur und ihrer absoluten Durchdringung mit einer Ideologie, die unter wissenschaftlichen Losungen wirkte, obwohl diese schon seit langem nicht mehr den Gesetzen der Wissenschaft unterlagen.“

Eine ähnliche Zuflucht in neo-scholastischen Stillstand haben die westlichen Demokratien gesucht und gefunden. Nicht der entwicklungsbedürftige und entwicklungsfähige Parlamentarismus einer sozialen und demokratischen Gesellschaftsform war ihre Alternative, vielmehr klammerten sie sich an einen doktrinären Antikommunismus, der im Stalinismus und Neo-Stalinismus sein adäquates Gegenüber fand und innerhalb der parlamentarischen Demokratie jede wissenschaftlich aufgeklärte Entwicklung hemmte. Das Versagen der westlichen Demokratien wie der Sozialistischen Volksrepubliken den Staaten der Dritten Welt gegenüber ist ein unheilvolles Symptom dieser zunehmenden Doppelkrise.