München

Für einen Künstler kann es eigentlich gar nichts Besseres geben, als einmal so richtig Anstoß zu erregen – und der Galeriebesitzer, der das Glück hat, bildende Kunst auszustellen, an der Anstoß genommen wird, ist flugs in aller Munde.

In München-Schwabing widerfuhr dieser Publicity-Segen gleich drei Künstlern auf einmal, nämlich einer Gruppe, die sich „das Bohrloch“ nennt. In der „kleinen Galerie“ zeigen sie zur Zeit eine Pop-Schau mit dem Titel „Wärmflasche 67“. Auf mannigfache Weise sind hier Wärmflaschen zu primären Geschlechtsmerkmalen verfremdet worden; ein wenig kinetischer Sex bewegt sich im Raum, und ein Kreuz, um einen Glasbehälter mit zahllosen Zelluloid-Püppchen gehängt, signalisiert – glaube ich –, daß Beten manchmal nützt; ob für oder gegen Nachwuchs ist freilich ungewiß.

Im Gästebuch finden sich Urteile vom überschwenglichen Lob bis hin zur derben Beschimpfung. Schriftliche Beschimpfung allein, empfanden jedoch drei korrekt gekleidete junge Männer als nicht ausreichend: Telephonisch verständigten sie die Polizei, und wenige Minuten später hielt auch schon der Funkwagen vor der Galerie. Die Besatzung stieg aus, besah sich den „Schaden“, meinte, sie könnten „nix dabei finden“, aber Kunstkritik stünde ihnen natürlich nicht zu. Wer je die einschlägigen Abteilungen eines Kriminalmuseums gesehen hat (Sexualverbrechen, Abtreibung), der wird unschwer verstehen, daß die Galerie mit ihren „Sauereien“ in den Augen der Polizisten etwa den Harmlosigkeitsgrad einer Puppenstube haben dürfte.

Je nun – die Anzeige mußte weitergeleitet werden, denn die drei mit dem gesunden Volksempfinden hatten gedroht, andernfalls Dienstaufsichtsbeschwerde zu erstatten. Die Wärmflaschen erreichten somit die „sittliche Ebene“, was zur Folge hatte, daß ein Photograph der Kriminalpolizei alle Objekte der Ausstellung auf seine Platte bannte – in Schwarz-Weiß und auch in Farbe. Anschließend ging die Akte „Wärmflasche“ dann an die Staatsanwaltschaft München I. Bisher hat der Staatsanwalt noch nichts unternommen, wie man erfährt. Die schlimmen Wärmflaschen werden daher also, ganz wie vorgesehen bis zum 15. Oktober zu betrachten sein. Und das nicht nur in Schwabing, sondern vier Tage lang – und das ist nun wirklich sehr verwegen – auch in Deggendorf. Jenem Ort, dessen Bürger unlängst für die Entfernung einer ihnen mißliebigen modernen Plastik gesorgt hatten. Ein offenbar risikofreudiger Gastwirt stellt dort den geräumigen Nebenraum seiner Gaststube zur Verfügung.

Ein Risiko geht zweifellos auch der Vertreter von Recht und Gesetz ein, der sich nun wegen der verpopten Haushaltsgegenstände auf die sittliche Ebene begeben muß, da diese ja bekanntlich eine schwankende ist, und den, der sich allzu ernst mit ihr beschäftigt, gar schnell in den Ruf der Lächerlichkeit zu bringen vermag.

Die Anstoßerreger, denke ich, werden daher nicht gar so sehr um Freiheit und Finanzen bangen müssen, denn: ehe sich einer – mit einiger Sicherheit – den schmückenden Beinamen ‚Wärmflaschen-Staatsanwalt“ anhängen läßt, wird er gewiß ein paarmal überlegen, ob das Verfahren nicht vielleicht besser wegen Geringfügigkeit eingestellt werden sollte.

Cornelia Jacobsen