Chefbeleuchter über der Bonner Bühne

Regierungssprecher Günther Diehl: ein Mann, der keine Feinde hat / Von Hans Gresmann

Ein durchdringender, unerbittlicher und stets ein bißchen spöttischer Blick, eine schmale Nase, deren Gestalt Aggressivität vermuten läßt, ein Mund, aus dem spontane Gesichtsdeuter die Züge von Süffisanz, wohl gar von Zynismus zu erkennen meinen — dies ist das Gesicht des neuen Bundespressechefs, der von nun an Regierungspolitik zu interpretieren und, schlimmer noch, Regierungspolitik auch zu stimulieren hat. Ein Aal, oder besser: ein Hecht?

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In Bonn, so scheint es, gibt es derzeit keinen hochgestellten Beamten oder Politiker, der mehr Freunde hat als Günther Diehl. Fast alle Journalisten loben, manche duzen ihn. Der Kanzler ist ihm vertraut, die Minister vertrauen ihm, und sein Stellvertreter Conrad Ahlers, auch er ein Duzfreund, weiß auf die Frage, warum der neue Boß im Bundespresseamt denn augenscheinlich überhaupt keine Feinde habe, unter Verzicht auf jegliche Eloquenz nichts anderes zu sagen als: „Er ist ein netter Mann." Pause. „Und sehr, sehr klug."

Stimmt die schnelle Deutung der Physiognomie, oder stimmt das Urteil derer, die ihn kennen? Wer sich eine Weile mit ihm unterhält, erkennt bald, daß dieser Mann in der Tat ein scharfes Auge und eine spitze Zunge hat, daß es aber offenbar der Humor war und nicht der Zynismus, der seine Züge m die Mundwinkel und Nasenflügel dieses geistreichen Protestanten vom Rhein gegraben hat.

Eine Prognose darf mit aller Verläßlichkeit schon heute gestellt werden: Die Bundespressekonferenzen, auf denen künftig die Politik der Großen Koalition, die zusehends in schwerere See gerät, dem schreibenden Volk verständlich gemacht werden soll, mögen dramatisch, mögen kontrovers verlaufen — langweilig werden sie nicht sein. Bundespressechef Diehl, der der Sprache mächtig ist wie kaum einer im offiziellen Bonn, wird ungezählten Überschriften in deutschen Zeitungen mit seinen Bonmots einen attraktiven Drall geben. Ein wichtiger Mann, einer, der mit lässig dahingestreuten Worten große Wirkungen erzielen kann.

Ist er glücklich in seinem neuen Amt? Das, so scheint es, nur halbwegs. „Der Regierungssprecher ist wie der Chefbeleuchter über einer Theaterbühne: Er kann hier ein Spotlicht setzen, eine Sache pointiert herausholen, er kann dort etwas im Nebel der segensreichen Unklarheit lassen. Aber an eines ist er gebunden: an die Inhalte der Politik. Er soll und er darf sie nicht verändern."

Dies ist ein Handwerk, welches Bescheidenheit erfordert. Diehl hat die Bescheidenheit in harter Schule gelernt. Und wenn sein Humor nicht gewesen wäre, vielleicht hätte diesen scharfen Verstand doch jener Zynismus ergriffen, den mancher heute bei ihm zu erkennen glaubt.

Der Krieg war vorbei. Diehl, gelernter Jungmann des alten Auswärtigen Amtes, strich durch die. westdeutschen Lande. Wohin? Hamburg bot eine Bleibe, im doppelten Sinne. Axel Springer, der 1948 gerade das „Hamburger Abendblatt" gegründet hatte, bot dem Suchenden, dem er sich in aufgeschlossener Wendigkeit verwandt gefühlt haben mochte, den Posten eines außenpolitischen Redakteurs, und die verwitwete Frau Konsul Ahlers bot ihm in der Hallerstraße ein Zimmer (welches notabene in damaligen Zeitläuften nicht weniger wichtig war als ein Posten). Den Redaktionssessel verließ Günther Diehl schon nach zwei Jahren wieder, das Zimmer in der Hallerstraße auch — aber von dort brachte er nach Bonn am Rhein Gepäck mit: den Sohn des Hauses, „Conny", dem er Lehrmeister, Trauzeuge, Taufpate und schon einmal Chef wurde.

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  • Von Hans Gresmann
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  • Quelle DIE ZEIT, 17.11.1967 Nr. 46
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