Von Lothar Baier

Zwischen der diesjährigen Frankfurter Buchmesse und dem Frankfurter Forum gibt es vielfache Übereinstimmungen. Es ist frecher, lauter und politischer geworden. Von einem neuen soziologischen Ort der Literatur hatte Horst Bingel, Initiator und primus inter poetas, gesprochen, und es lag durchaus in der Konsequenz seiner Vorstellung von öffentlicher Teilnahme, wenn immer wieder unermüdlich quakende Grüppchen. der Frankfurter Provos auftraten, wenn ein sich als Frankfurter Bürger und SPD-Mitglied bezeichnender Querkopf im Verlauf einer Lesung einen politischen Schreikrampf erlitt und wenn die Schriftsteller durch Sprechchöre unterbrochen wurden.

Diese Tagung des Forums hat dazu den Nachweis erbracht, in welchem Maß sich die Schriftsteller immer wieder über ihre gesellschaftliche Rolle täuschen. Eine Fabrikhalle, als „soziologischer Ort“ für Literatur ausgewählt, wurde zu ihrem Tribunal. Da lasen Witold Wirpsza, Ernst Jandl und Gerhard Zwerenz vor dem gewohnten Publikum und wurden von den gewohnten Leuten kritisiert, während die letzten Arbeiter, die man zuvor im Vorbeigehen an ihren Werkbänken hatte bestaunen dürfen, den blauen Anton zusammenpackten. Feierabend war längst vorbei. Zwar saßen einige Belegschaftsmitglieder dieser Firma im guten Anzug unter den Zuhörern, aber sie meldeten sich nicht zu Wort, nur der Betriebsratsvorsitzende erklärte auf Befragen der Literaten, daß er einzig das Romankapitel von Zwerenz für eine Lesung vor Arbeitern empfehlen würde, die Lautgedichte Ernst Jandls (er sprach ihn zunächst als Herrn „Jodl“ an) halte er für lediglich büttenreif, und die Gedichte Wirpszas seien ihm vollends unverständlich gewesen.

Als die Forderung laut wurde, die Literatur unter diesen verzweifelten Bedingungen doch vielleicht besser abzuschaffen, antwortete Zwerenz, die Literatur lasse er sich bei aller Sympathie für revolutionäre Theorien doch nicht vermiesen.

Zwischen den makabren Kulissen der saubergekehrten, funktionslosen, von toten Leitungen und Fernsehkabeln durchzogenen Fabrikhalle wurde das stillschweigende Einverständnis der Schriftsteller darüber deutlich, daß es ihnen nur um die Literatur geht und gehen kann, auch wenn sie damit auf dem Markt auftreten, auch wenn sie mit den Interessen der Arbeiter, deren Bedürfnissen sie eben nicht gerecht werden können, übereinstimmen.

Heiß umstritten war eine humanitär gedachte, aber politisch weithin mißverstandene Aktion des Forums. Nach zähem Ringen mit den Frankfurter Stadtvätern hatte man den Dichtern einen Bahnhof gegeben, den noch nicht in Betrieb genommenen U-Bahnhof Hauptwache, in dem Horst Bingel zur Versteigerung bunt angestrichener und von verschiedenen Autoren signierter Hocker einlud. Diese Hocker waren dem Forum von der Buchmesse überlassen worden, und der Erlös der Versteigerung von rund 1500 Mark wird der Vereinigung Terre des Hommes zugestellt, die achtundzwanzig napalmverbrannte und querschnittgelähmte vietnamesische Kinder in der Bundesrepublik betreut. Nun konnte es in dem politischen Reizklima der Bundesrepublik soweit kommen, daß man einerseits in der Presse nicht wahrhaben wollte, es gäbe tatsächlich durch Napalm verwundete Kinder, und daß die Versteigerung zugunsten dieser Kinder von anderer Seite als bürgerliches Täuschungsmanöver denunziert wurde; auch das war eine Lektion zum Thema des Vermögens der Literatur und der Literaten in der Öffentlichkeit.

Zum Thema Literatur, Engagement und Politik mußten sich die einheimischen Autoren von manchen ausländischen Kollegen einiges sagen lassen, was beliebte Vorstellungen vom Verlauf der literarischen Fronten in Europa korrigierte. So erfuhren sie aus Anlaß einer Lesung des Franzosen Claude Ollier, daß die Diskussion um Engagement seit der Entthronung Sartres in Frankreich völlig verstummt ist, daß sich die junge Literatur dort mit ganz anderen Fragen beschäftigt, und der jugoslawische Schriftsteller und Kommunist Ivan Ivanji verkündete rundheraus und in Übereinstimmung mit anderen Autoren aus Osteuropa, er halte Literatur für unvereinbar mit einem politischen Engagement.