DIE NEUE SCHALLPLATTE

„Die widerborstigen Gesänge des Dieter Süverkrüb“; Dieter Süverkrüp, Kurt Becker, Jonny Fiscier, Charly Antolini; Verlag „plane“, Dortmund, S 22 302, 19 – DM

Walter Moßmann: „Große Anfrage“; Walter Moßmann, Michel Werner, Horst Seidelmann; Da Camera 95 006, 25,– DM

Der 2. Juni 1967, jener Tag, an dem der Berliner Student Benno Ohnesorg erschossen wurde, war kaum vorbei, als die jungen Liedermacher der Bundesrepublik, Degenhardt, Hüsch, Moßmann und Süverkrüp schon ihre Lied-Kommentare dazu parat hatten. Sie hatten plötzlich wieder zu einem aktuellen Thema gefunden; die außerparlamentarische Opposition gewann ihre Lieder.

Ein halbes Jahr später nun legen zwei der damaligen Lied-Protester ihre neuen Langspielplatten vor, und so kann man prüfen, was aus der Opposition dieser beiden Liedermacher geworden ist.

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Daß politische Lieder ihr Publikum finden werden, gibt Walter Moßmann im Text auf seinem Platten-Cover zu: „Der Liedermacher, der sich auch mit politischen Gegenständen befaßt, kann sich gegenwärtig eines bestimmten Hörerkreises sicher sein.“ Moßmann befaßt sich gelegentlich mit solchen politischen Gegenständen, zum Beispiel wenn er von seinem „großen Meister Heinrich Heine“ träumt, wenn er dem anderen Deutschland, der DDR, den Verrat an der Oktoberrevolution ankreidet oder wenn er die Nation „lästern“ will.

Auf dem hohen Podest stehend als einer, der „aus einer anderen Provinz“ kommt, äußert er Unbehagen, ortloses Unbehagen, irgendwo angesiedelt zwischen Madrid und Moskau. Ein Unbehagen, das ihn als Nachkömmling einer skeptischen Generation ausweist, die das Engagement mied. Für Moßmann sind Berliner Studenten nur „nachempfundene Revolutionäre“, Moßmann fühlt sich im intellektuellen Assoziationen-Gehege bürgerlichen Spießermiefs, bei „erdverbundener“ Liebe, „müder Eleganz“, Geliebtenabschieden unter der Laterne wohler als unter marschierenden Studenten, bedroht von Polizeiknüppeln und Wasserwerfern. Sein aktueller Beitrag, das Lied „Schahmatt“ flüchtet sich in belanglose Hoffnung eines „Sieges der Gerechten“, später, irgendwann.

Auch Dieter Süverkrüp singt vom Schah; aber er nennt ihn einen Henker. Er wird konkret. Seine Lieder beziehen nicht nur Stellung, sie werden aggressiv; und man versteht, hat man diese neue Platte gehört, warum es ihm gelingt, einen Minister Lücke aus dem Saal zu vertreiben. Süverkrüp äußert kein allgemeines und dadurch unverbindliches Unbehagen, keine bloß witzigen Späße wie noch auf seiner ersten Langspielplatte. Er nennt Lübke, die sing out Deutschland beim Namen, analysiert auf Sängerweise Selbst-Schutz-Korps-Verordnungen und Notstandsgesetze; entwirft Negativzeichnungen, Gegenbilder, die mittels Schockwirkung starre Positionen verunsichern.

Er wartet nicht auf die Resultate, um dann zu klagen, sondern will in die Aktion eingreifen und macht sich darum in einem Song daran, vorwegzunehmen: „Nach der endgültigen und vollständigen Einführung und Inkrafttretung der Notstandsgesetze werde ich allen leichtfertig gutgläubigen Wählern ein Liedchen singen. Vorsichtshalber singe ich es schon jetzt.“ Für Süverkrüp endet die Politik eben nicht bei der Laternen-Liebe wie für Moßmann. Für ihn hat auch das erste Kind, das ihm 1967 geboren wurde, bereits etwas damit zu tun. Sein Wiegenlied für den Sprößling endet: „Es lebe die Revolution!“

Rolf-Ulrich Kaiser

 
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