Mitte der Woche zögerte Präsident Johnson noch immer, Nordkorea zur Herausgabe des gekaperten Spionageschiffes „Pueblo“ zu zwingen und damit – neben dem Krieg in Vietnam – einen zweiten asiatischen Konflikt heraufzubeschwören.

Statt dessen versuchte Washington, mit diplomatischen Mitteln und dosiertem militärischem Druck das Prestige der Weltmacht und die 83 Seeleute der „Pueblo“, die in Nordkorea vor Gericht gestellt werden sollen, zu retten.

  • Am Dienstag voriger Woche erklärte US-Außenminister Rusk, er habe nichts dagegen, wenn man den nordkoreanischen Handstreich als „Kriegsakt“ bezeichne.
  • Am Mittwoch wurden zwei Geschwader Düsenjäger (36 Maschinen) von Okinawa auf die südkoreanischen Stützpunkte Osan und Kusan verlegt. • Am Donnerstag faßte der größte US-Flugzeugträger, die atomgetriebene „Enterprise“ (75 000 Tonnen) Posten vor der koreanischen Küste, später verstärkt durch den Flugzeugträger „Yorktown“ und vier weitere Einheiten. Die „Enterprise“ wurde in Marsch gesetzt, noch ehe Johnson von dem Zwischenfall erfahren hatte.
  • Gleichen Tags wurden in den USA 14 800 Reservisten der Luftwaffe und der Marine mobilisiert, 372 Kampf- und Transportmaschinen wurden flottgemacht.
  • Am Freitag versuchte UN-Botschafter Goldberg vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, der auf amerikanisches Ersuchen zusammengetreten war, nachzuweisen, daß die „Pueblo“ in internationalen Gewässern gekapert worden sei. In den folgenden Tagen wurde hinter den Kulissen der UN nach einer Lösung gesucht.
  • Die ganze Woche über bemühte sich US-Botschafter Thompson in Moskau um eine sowjetische Vermittlung in der Krise.

Die Regierung in P’yongyang, die bei den Vereinten Nationen nicht vertreten ist, machte am Wochenende klar, daß sie Beschlüsse des Sicherheitsrats nicht anerkennen werde.

Die USA stimmten unterdessen einem äthiopischen Vorschlag, Nordkorea zur Debatte im Sicherheitsrat einzuladen, nur unter der Bedingung zu, daß vorher die „Pueblo“ freigegeben werde. Der sowjetische UN-Delegierte Morosow legte Goldberg dagegen nahe, Nordkorea ohne Vorbedingungen einzuladen und in New York direkt mit Emissären aus P’yongyang zu verhandeln.

Die Reaktionen auf den „Pueblo“-Zwischenfall waren in Moskau und Peking unterschiedlich ausgefallen: Nachdem die chinesische Presse tagelang geschwiegen und dann nur die nordkoreanische Version des Vorfalles wiedergegeben hatte, warnte Radio Peking die USA am Montag vor einem neuen Koreakrieg. „Die chinesische Regierung und das chinesische Volk“, so hieß es, „unterstützen entschieden die gerechte Sache des koreanischen Volkes bei Gegenangriffen auf die verrückten Provokationen des amerikanischen Imperialismus“.

Dagegen schien Moskau eher an einer Dämpfung der Krisenatmosphäre interessiert zu sein, auch wenn es sich ebenfalls die nordkoreanische Version zu eigen machte. Ministerpräsident Kossygin, in Neu-Delhi bei Indira Gandhi zu Gast, sagte, man solle die Angelegenheit wie einen normalen Grenzzwischenfall behandeln, Es sei Sache der USA und Nordkoreas, sich auf eine Lösung der „Pueblo“-Krise zu einigen.