Von Sandra Sassone

Rom, im Januar

Der kommunistischen „Unita“ reicht zur Zeit die erste Seite kaum aus, um die Meldungen aus der politischen Skandalchronik Italiens gebührend aufzumachen, die sich von einem Tag zum anderen ansammeln und die Öffentlichkeit in Erregung, ja Empörung versetzen. So sah erst unlängst die Bilanz eines einzigen Tages aus:

Im sizilianischen Erdbebengebiet versagte der Staat. Zehntausende von Obdachlosen waren fast ohne Schutz dem Regen und der Kälte ausgesetzt. Schuld daran trug offensichtlich die mangelhafte Koordinierung der im In- und Ausland organisierten umfangreichen Hilfsmaßnahmen.

In Rom verhafteten die Carabinieri den ehemaligen Bürgermeister der Ewigen Stadt, den christlichen Demokraten Amerigo Petrucci. Ihm werden Unterschlagungen und Amtsmißbrauch vorgeworfen.

In einem Gerichtssaal des römischen Justizpalastes verschanzte sich ein hoher Carabinieri-Offizier hinter die militärische Geheimhaltungspflicht, als ihm die Frage gestellt wurde, ob während der seit Wochen heiß diskutierten „Staatsstreich“-Affäre des Sommers 1964 die militärische Besetzung des staatlichen Rundfunksenders und die „Verteidigung“ des Präsidentenpalastes auf dem Quirinal vorbereitet worden seien.

Die doppelte Katastrophe von Sizilien – erst das Erdbeben, dann das von den Staatsorganen viel zu zögernd bekämpfte Chaos – wiegt ohne Frage am schwersten. Denn hier hätten Menschen gerettet werden können, wenn der Staat rechtzeitig alle technischen Mittel eingesetzt, hätte, die ihm zur Verfügung stehen. Daß am ersten Tag nach der Erdbebennacht nur einige hundert Feuerwehrleute und wenige Soldaten nach Überlebenden suchten, daß nicht sofort ein Regiment Pioniere nach Sizilien geflogen wurde, daß in der Nacht danach die Bergungsarbeiten wegen fehlender Scheinwerfer unterbrochen werden mußten – all das ist in den Augen vieler Italiener unentschuldbar. Ebensowenig Verständnis vermag der Bürger dieses zumindest in seinen nördlichen Regionen hochtechnisierten Staates dafür aufzubringen, daß noch eine Woche nach dem Erdbeben etwa 60 000 Obdachlose in selbstgebastelten Hütten und Zelten am Rande der Landstraße kampierten.