Auf ihrem Freiburger Parteitag hielt die FDP am Wochenanfang Heerschau für den Bundestagswahlkampf 1969. Zunächst musterten die Delegierten ein neues Führungskader: An Stelle des scheidenden Erich Mende wurde der 48jährige Walter Scheel mit 248 gegen acht Stimmen zum neuen Bundesvorsitzenden gewählt. Der Bonner FDP-Fraktionsgeschäftsführer Dietrich Genscher und der neue Fraktionschef im Bundestag Wolfgang Mischnick qualifizierten sich mit großer Mehrheit als erster und zweiter Stellvertreter. Schatzmeiser Wolfgang Rubin konnte sein Amt in einer Kampfabstimmung gegen Robert Margulies verteidigen.

Dann lieferte Professor Ralph Dahrendorf, erst kürzlich zum Stellvertretenden Landesvorsitzenden in Baden-Württemberg emporgeschnellt, frische Wahlkampfmunition: In seinem Grundsatzreferat „Politik und Liberalität statt Bündnis der Unbeweglichkeit“ forderte er „eine liberale Politik der Offenheit“. Er ermutigte die Freien Demokraten, „das Gefängnis der Immobilität aufzubrechen“.

Den 3000 Demonstranten, die sich vor der Freiburger Stadthalle um den Chefideologen des SDS, Rudi Dutschke, geschart hatten, rief der Professor zu, es gebe nicht nur Fachidioten der Politik, sondern auch „Fachidioten des Protest“

Mit kämpferischen Tönen und heftigen Angriffen auf das „lahmende Proporzkartell“ hatte sich Mende am Montag verabschiedet. Den Parteifreunden gab er eine optimistische Prognose mit auf den Weg: „Was uns betrifft, so haben wir die gute Chance wie 1961, mit einer weitaus stärkeren Fraktion als heute in den sechsten Deutschen Bundestag einzuziehen.“