In Vietnam hat die amerikanische Weltmacht eine neue Schmach erlitten – nur eine Woche nach dem „Pueblo“-Zwischenfallvor der koreanischen Küste: Die Kommunisten eröffneten am Dienstag ihre schon lange erwartete Großoffensive und stürmten in Saigon die amerikanische Botschaft. Die südvietnamesische Hauptstadt wurde teilweise evakuiert. Über Vietnam wurde der Ausnahmezustand verhängt.

In Erwartung des kommunistischen Großangriffs im Nordwesten des Landes bei Khe Sanh hatten die Alliierten am Montag die ursprünglich für 36 Stunden geplante Waffenruhe aus Anlaß des buddhistischen Neujahrsfestes für die fünf nördlichen Provinzen abgesagt. Am Dienstag war die Waffenruhe für ganz Südvietnam widerrufen, vorden.

In einem tollkühnen Handstreich drang am Mittwochmorgen (Ortszeit) ein schwerbewaffneter Viexong-Stoßtrupp in die US-Botschaft im Zentrum Saigons ein. Der 74jährige US-Botschafter Ellsworth Bunker, der sich nur fünf Häuserblocks weiter in seiner Residenz befand, wurde eilends in Sicherheit gebracht.

Einen ersten Sturmangriff der amerikanischen Militärpolizei auf die Botschaft wehrten die Kommunisten ab. Erst als es den Amerikanern gelang, ein Maschinengewehrnestder Rebellen gegenüber dem sechsstöckigen Gebäude zum Schweigen zu bringen, konnte eine Fallschirmjägerkompanie mit zehn Hubschraubern auf dem Dach landen. Dann fielen im Nahkampf von Zimmer zu Zimmer alle 17 Eindringlinge sechs Stunden nach dem Angriff der Kommunisten.

Während ein amerikanisches Soldatenwohnheim in der Nähe des Flughafens einen Raketenvolltreffer erhielt und auch andere Teile Saigons unter Feuer lagen, war die Lage auch im zentralvietnamesischen Hochland kritisch: Der Vietcong stürmte sechs Provinzhauptstädte. Überall kam es zu heftigen Straßenkämpfen. Auf vier amerikanischen Flugplätzen wurden etwa 42 Maschinen und Hubschrauber vernichtet.

Mit einem kommunistischen Angriff rechnete man unterdessen auch im US-Stützpunkt Khe Sanh, der nur noch aus der Luft versorgt wercen kann. Dort liegen etwa 5000 „Ledernacken“ der größten Feindstreitmacht des Krieges gegenüber. Hinter der demilitarisierten Zone und der laotischen Grenze haben die Nordvietnamesen in den letzten Wochen nach westlichen Schätzungen zwei bis vier Divisionen massiert – zusammen etwa 35 000 Mann, bewaffnet mit 152-mm-Artillerie, Mörsern und Raketen. Sie sollen dem direkten Befehl des nordvietnamesischen Generals Giap unterstehen.