Von Theo Sommer

ueblo-Affäre gleich Kuba-Konfrontation? Der Vergleich war in den letzten Tagen häufig zu hören, aber er offenbart einen erstaunlichen Mangel an Augenmaß.

Chruschtschows kubanischer Raketen-Coup im Herbst 1962: das war eine direkte Bedrohung des amerikanischen Lebensnervs; wäre das Manöver geglückt, so hätte sich das strategische Kräfteverhältnis der Supermächte entscheidend verändert. Die Aufbringung eines US-Spionageschiffs, das sich leichtfertig zu dicht an eine feindliche Küste gewagt hatte, durch nordkoreanische Patrouillenboote ist demgegenüber eine Lappalie – ärgerlich wohl, empörend auch und ganz gewiß demütigend für die Amerikaner, aber weder existenzgefährdend noch notwendigerweise friedensbedrohend.

Kuba gehört in die Kategorie der großen Krisen, in denen sich ein neuer Entwicklungsknoten schürzt – neben Sarajevo 1914, neben Berlin 1948. Wonsan wird einer jener Schnörkel bleiben, welche die Weltgeschichte beleben, ohne sie wirklich zu bewegen – wie die unselige. U-2-Mission des Hauptmanns Gary Powers Gegenstand des Kapitels „Betriebsunfälle“ in einer künftigen Geschichte der Geheimdienste, aber nicht viel mehr.

– Es sei denn, Präsident Johnson ließe sich doch noch zu einer gigantischen Fehlhandlung hinreißen. Auszuschließen ist das nicht.

Eine Weltmacht wird stets der Versuchung ausgesetzt sein, örtlichen Vorkommnissen globale Bedeutung zu unterlegen und nicht auf das spezifische Ereignis zu. reagieren, sondern auf die vermuteten weiteren Zusammenhänge. Das gilt zumal für die Vereinigten Staaten, die eine junge Weltmacht sind, noch ungeübt in der Kunst, Nadelstiche und Nackenschläge auseinanderzuhalten. Und es gilt besonders für den gegenwärtigen Präsidenten, dessen texanischer Reflex, geschwind aus der Hüfte zu schießen, nur ganz allmählich in der Geste imperialer Gelassenheit gebändigt wird. Überdies ist die Fraktion der Feuerfresser in diesem Wahljahr nicht klein.

Johnsons erste Reaktion nach dem Piratenstückchen vor Wonsan war allerdings beherrscht und gemessen. Er wog das Für und Wider energischer Vergeltungsmaßnahmen vorsichtig ab und beschloß dann, die Sache zum Abkühlen auf die lange Bank der Diplomatie zu schieben. Der Johnson vom Tongking-Golf und von Santo Domingo war in diesem Beschluß nicht mehr zu erkennen. Der Präsident hat, wie James Reston schreibt, aus Vietnam gelernt, daß es leichter ist, in Kriege hineinzugeraten, als wieder aus ihnen herauszufinden.