Zum zehntenmal hat jetzt das norddeutsche Barsortiment Lingenbrink seine „Index-Liste“ vorgelegt: die immer noch einzige zuverlässige Auskunft darüber, welches die tatsächlichen Bestseller eines Jahres waren, im Unterschied zu den sogenannten „literarischen“ Bestseller-Listen, wie sie die ZEIT etwa und der Spiegel veröffentlichen, die verschiedene Arten von Büchern und Buchhandlungen von vornherein ausklammern.

Fast die Hälfte aller Bücher bezieht der Buchhandel nicht direkt von den Verlagen, sondern von den Barsortimenten: man kann annehmen, daß eine Statistik der Direktbestellungen kein radikal von der Barsortimentsstatistik abweichendes Bild ergäbe und daß diese somit nahezu repräsentativ ist. Einschränkungen ergeben sich vor allem daraus, daß manche Bücher überwiegend regionale Erfolge sind und eine Liste wie die von Lingenbrink bei manchen Titeln nur regionale Geltung beanspruchen kann; sie ergeben sich weiter aus der Unmöglichkeit, zwischen Taschenbüchern und anderen Büchern sauber zu unterscheiden: Die Lingenbrink-Liste führt keine Taschenbücher auf, aber doch die edition suhrkamp, die in Preis und Ausstattung mit Taschenbüchern konkurriert und unter gebundenen Büchern natürlich vorteilhafter abschneidet als unter Taschenbüchern.

Die Lingenbrink-Liste enthält im ganzen etwa 700 Titel, jeden mit einer Indexzahl, die dem tatsächlichen Umsatz entspricht. Die höchste Indexzahl für 1967 (nämlich 412) hat der Rechtschreibungs-Duden; auf ihn folgen: „Dierckes Weltatlas“ (320), Schülkes Logarithmentafeln (244), die „Einführung in das britische Englisch“ von Eckermann-Piert (166), Seelmanns Aufklärungsbuch „Woher kommen die Buben und Mädchen“ (148), Gefferts „Unser Wortschatz“ (146), Brechts „Mutter Courage“ in der edition suhrkamp (140), Michels „Briefmarkenkatalog Deutschland“ (140), Langenscheidts „Taschenwörterbuch Englisch“ (120) und Langenscheidts „Universal English“ (108) – fast alles also Lehrbücher (auch die „Mutter Courage“ dürfte ihren hohen Platz in erster Linie dem Umstand verdanken, daß sie als Schullektüre benutzt wird). Erst danach kommen Bücher, die auch auf den „literarischen“ Bestsellerlisten in Erscheinung getreten sind: Malpass’ „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ (100), Zuckmayers „Als wär’s ein Stück von mir“ (108) und Mehnerts „Der deutsche Standort“ (105). Auf jedes verkaufte Exemplar von sagen wir Salingers Erzählungen (Indexzahl 2) kommen also 212 Duden; „Dierckes Weltatlas“ wurde 106mal öfter verkauft als etwa Sartres „Die Wörter“ (Indexzahl 3). So sieht das aus.

Wie schneidet der Seller-Teller der ZEIT daneben ab? Nicht allzu schlecht, wenn man berücksichtigt, daß er eben bestimmte Büchergattungen ganz aus dem Spiel läßt. Auf Grund des monatlichen Seller-Tellers ergäbe sich für 1967 diese Liste: Mehnert, „Der deutsche Standort“; Malpass, „Morgens um sieben...“: Zuckmayer, „Als wär’s ein Stück von mir“; Kroll, „Lebenserinnerungen eines Botschafters“ und Clavell, „Tai Pan“. Alle diese fünf Titel stehen unter den ersten 50 der Lingenbrink-Liste, und zwar etwa in der gleichen Reihenfolge. Dazwischen allerdings stehen auch verschiedene Titel, die keine Nachschlagewerke und keine Schullektüre sind und für eine „literarische“ Bestsellerliste durchaus in Frage gekommen wären: so Pasternaks „Dr. Schiwago“, so Simmels „Alle Menschen werden Brüder“, so Peter Bamms Werke in zwei Bänden, so Anne Golons „Angelique und Joffrey“.

Ende Dezember wies das Neue Deutschland seine Leser in einer Glosse auf die Existenz von westdeutschen Bestsellerlisten hin; sie seien, hieß es da, „meist Glückssache, oder mehr noch: Manipulationssache“. Die Manipulation bestehe darin, daß „Schmutz- und Schundromane“ (daß man im sozialistischen deutschen Staat so wenig Bedenken hat, kleinbürgerlichen Jargon zu benutzen!) und „antisowjetische Machwerke“ auf die Listen gesetzt werden, während doch ein Blick hinter die Kulissen zeige, daß Scholochows „Stiller Don“ im 50. Jubiläumsjahr der Großen Oktoberrevolution in der Bundesrepublik an achter Stelle hätte stehen müssen. Nichts gegen Scholochow. Aber, hinter welche Kulisse wurde da gespäht? Auf der objektiven Lingenbrink-Liste erscheint der „Stille Don“ an etwa sechshundertster Stelle. D. E. Z.