Vaterland, Staat, Krieg und - Kirche
Die politische Funktion der christlichen Predigt / Von H. W. Bartsch
Diese theologische Analyse von Kriegspredigten ist ein verblüffendes Zeugnis für die Naivität, in der jene nationale Frömmigkeit sich aussprach, der unsere Väter huldigten. Man ist nur zu leicht geneigt, eine Blütenlese zusammenzustellen, um sich aus dem Abstand von fünfzig Jahren über diese simple Gleichsetzung des „Geistes von 1914" mit dem Heiligen Geist lustig zu machen. Daß uns jedoch die prominentesten Namen aus Kirche und Theologie jener Zeit in der Sammlung begegnen, sollte vor einer vorschnellen Aburteilung warnen.
Wenn der frühere Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche, Bischof Otto Dibelius, dem Verfasser das Recht zur Kritik grundsätzlich bestritt, so mag die Furcht vor einem solchen unberechtigten Urteil aus der gesicherten theologischen Position heute verständlich sein. Es erscheint allerdings als übertriebene Vorsicht, wenn der Verfasser die notwendige Zurückhaltung bei solchen Urteilen damit begründet, „daß das Verhältnis der öffentlichen Meinung, der Kirchen und der Theologie zu Vaterland und Staat, zur Ökumene, zu Monarchie und Demokratie heute in Deutschland ein grundlegend anderes ist als in der Zeit vor 1918". Ist es das wirklich auch für die Kirche? Es könnte vielmehr trotz aller Unterschiede in der Diktion und trotz des Verlustes der Naivität in der Struktur das Verhältnis der Kirche zu jenen Größen Vaterland, Staat, Krieg einerseits und Demokratie andererseits durchaus das gleiche geblieben sein. Wo sollte der Bruch erfolgt sein? Er geschah sicher nicht 1918, wie das Buch selbst erweist, wenn es etwa die Selbstdarstellung des Hofpredigers B. Doehring aus dem Jahre 1952 zitiert, in der nichts von Wandel und Umkehr zu spüren ist. Die Aktualität des Buches erwächst gerade aus der Tatsache, daß jene Predigten heute durchaus in abgewandelter Form möglich sind, daß die landläufige Predigt jener Kriegsjahre sich bis heute in ihrer Grundstruktur keineswegs geändert hat. Die Funktion der Kirche und ihrer Predigt, Hüterin der bestehenden Ordnung zu sein, dieser Ordnung die ideologische Begründung zu liefern, hat sich bis heute nicht geändert. Ein Oberpfarrer in LauenburgPommern predigte in den ersten Kriegsmonaten: „Nie wieder wird Gott zu dir so gewaltig reden wie in diesen Monaten. Nie wieder wird dir seine Gnade und seine Forderung so persönlich nahe sein wie jetzt. Und wenn die Tür zu seinem Vaterherzen dir auch immer offenstehen wird — nie wieder werden Gottes Engel dich so mit Adlerfittichen zu dieser geöffneten Tür emportragen wie in dieser Zeit. Findest du jetzt nicht den Mut zur völligen Hingabe an deinen Gott, dann nimmst du dir selbst die Hoffnung, daß du ihn jemals finden wirst Jedermann wußte, was mit der völligen Hingabe gemeint war und was Gottes Forderung bedeutete. Die „Schicksalsstunde" war Gottes Offenbarung, die es zu erkennen galt.
Derselbe Oberpfarrer gab als Generalsuperintendent durch seine Predigt in der Garnisonkirche am „Tag von Potsdam", dem 21. März 1933, dem Handschlag zwischen dem Feldmarschall Präsidenten Hindenburg und dem „böhmischen Gefreiten" Hitler die kirchliche Weihe. Die Begründung dafür aber lieferte er 1963 in seiner Obrigkeitsschrift, nach der die Obrigkeit „eine Instanz (ist), die grundsätzlich die Geltung eines metaphysisch begründeten Rechts anerkennt und dies Recht den Menschen zugute handhabt" (O. Dibelius: Obrigkeit, 1963, Seite 118) Was in der Kriegspredigt des Ersten Weltkriegs als „Nationalprotestantismus" erscheint, ist theologisch zwar vor allem durch Karl Barth nach 1918 überwunden, aber es lebt innerhalb der Kirche fort. Es ist jene Ideologie, die die metaphysische Hierarchie in den irdischen Herrschaftsstrukturen in Kirche und Staat repräsentiert findet. In dieser Kontinuität bedeuteten die Jahre des Weimarer Staates nur einen äußeren Bruch. Nur wenige Theologen und keine führenden Kirchenmänner konnten sich mit diesem Staat abfinden, der ihrer Ideologie nicht entsprach. Der Hofprediger Doehring schuf bereits vor dem Zusammenbruch in einer Predigt die „Dolchstoßlegende", und iß der Glorifizieruttg des „im Felde unbesiegten" Heeres trauerten die Prediger weiter den untergegangenen Ideal nach. Dagegen wandten sich nur wenige, wie der Berliner Theologe Adolf von Harnack, gegen diese Konservierung na:ionaler Ideologie. Und das Buch vermag nur einen Prominenten zu nennen, der ausdrücklich von seiner früher vertretenen Kriegstheologie abrückte: den Kieler Theologen Otto Baumgarten, der die Konsequenz zog und 1919 als Mitglied der deutschen Friedensdelegation nach Versailles reiste.
ber ebenso unwirksam wie diese Buße eines einzelnen 1918 blieb das Schuldbekenntnis der evangelischen Kirche 1945. Ein Militärpfarrer sagte 1935 den Soldaten: „Wenn ihr in dieser Stande den Treueid auf den Führer und Kanzler unseres Volkes, den obersten Kriegsherrn Adolf Hitler leistet, tretet ihr damit ein in den Kreis de: Männer, die bereit sind, mit Leib und Leben einzustehen für die Ehre und Freiheit, Sicherheit uni Kraft des Reiches Dieser Militärpfarrer nennt sich heute Militärbischof. Und was dies bedeutet, zeigt ein Satz des ehemaligen württembefgischen Landesbischofs Haüg (um 1950): „ wir müssen uns beteiligen an der Aufrichtung eines Dammes gegen die Flut aus dem Osten " Disse Funktion der Kirche, die für die Erhaltung der bestehenden Ordnung notwendige Ideologie zu liefern, ist in den fünfzig Jahren stets ausgeübt und vom Staat dankbar angenommen worden.
Um so bedeutsamer ist es, daß Pressel neben den breiten Strom offizieller Kriegspredigten dennoch auf Ausnahmen verweisen kann, von denen die Predigten des 1917 verstorbenen Möttlinger Pfarrers Christoph Blumhardts d. J am eindrücklichsten sind. Sie sind um so erstaunlicher, weil die Grundlage dieser Predigten eine Theologie ist, die denkbar wenig Ansatz zum politischen Engagement zu bieten scheint. Es ist eine „ReichGcttes Theologie", die in jeder Predigt die Hoffnung auf das Kommen des Gottesreiches zum eigentlichen Thema werden läßt.
Sein Engagement geht aller nationalen Politik und ihrer Rechtfertigung durch die offizielle Kirche entgegen auf ein aktives konkretes Zeugnis für den Frieden, weil Gottes Friedensbund quer durch alle Völker geht. Das erscheint allerdings nicht nur für seine Zeit als ein utopischer Pazifismus. Aber dieses Utopische haftet notwendig jeder Predigt an, die Hoffnung verkündigt. Sie würde erst unrealistisch, wenn sie es nicht wagen würde, ein Leben von dieser Hoffnung her in der Gegenwart zu proklamieren. Das aber tat Blumhardt vor allem in der Absage an die ideologische Verfälschung der Predigt, die nun ihrerseits vor allem gegen Ende des Krieges jede Verbindung zur Wirklichkeit verloren hatte und noch im Oktober 1918 „in der Kraft des Glaubens den Sieg herniederzuzwingen von den Sternen" sich anmaßte.
Eine „unpolitische" Predigt begegnet einem in diesem Buch nicht. Aber die meisten jener Prediger würden sich entrüstet dagegen verwahrt haben, hätte man ihnen den Vorwurf machen wollen, ihre Predigt sei politisch. Alles war ja ausreichend theologisch begründet. Das Politikum steckt tatsächlich auch nicht zuerst in den ausgesprochen politischen Stellungnahmen. Die funktionale Bedeutung der Predigten, die auch diejenigen hatten, die mit keinem Wort auf die Zeitereignisse Bezug nahmen, ist ihr eigentliches Politikum. Sie gaben der bestehenden Obrigkeit und ihrem Handeln die Rechtfertigung. Die tatsächlich unpolitische Predigt ist allein diejenige, die aus dieser Abhängigkeit ausbricht und die legitime Funktion der christlichen Botschaft vom Gottesreich innerhalb der Politik ausübt. Sie muß jede Ordnung an ihre Vorläufigkeit mahnen, ihr die metaphysische Begründung nehmen und sie an dem einen Gebot orientieren, das Paulus als die Zusammenfassung aller anderen — auch der Regeln für das Verhältnis zum Staat — nennt, das Gebot der Nächstenliebe (Römer 13, Vers 9).
- Datum 23.02.1968 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23.2.1968 Nr. 08
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