Flüchtlinge

von Ulrich Kaiser

Ralph Pöhland, der in Grenoble die DDR-Mannschaft verließ, um in die Bundesrepublik flüchten und dadurch für die Winterspiele keine Starterlaubnis erhielt, stellte jetzt seine internationale Klasse bei den Deutschen Nordischen Skimeisterschaften unter Beweis. In der Nordischen Kombination schlug er Olympiasieger Franz Keller. Ein anderer DDR-Flüchtling, Weltrekordläufer Jürgen May, wurde nun in Frankfurt vom Präsidium des Internationalen Leichtathletik-Verbandes wegen Verstoßes gegen die Amateurbestimmungen bis zum Januar 1969 mit einer Sperre belegt. Er hatte 100 Dollar von einer westdeutschen Sportschuhfabrik als Provisionsvorschuß angenommen. Auch May kann dadurch nicht an den Olympischen Spielen in Mexico City teilnehmen, wenn er nicht begnadigt wird. In der DDR war Jürgen May, der als politisch unzuverlässig galt, lebenslänglich disqualifiziert worden.

Zuvor flüchteten die besten Eiskunstläufer des ersten Arbeiter-und Bauern-Staates auf deutschem Boden, Bodo Bockenauer und Ralph Borghard. Vor allem in den olympischen Jahren und dann meist bei den gesamtdeutschen Ausscheidungen gab es ähnliche Fälle. 1963/64 waren es der Gewichtheber Dieter Rauscher, die Radfahrer Dieter Wiedemann und Jürgen Kissner, die Rodlerin Ute Gähler, der Skispringer Karl Heinz Munde, der Sprungläufer Udo Pfeffer und der Basketballspieler Helmut Uhlig.

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Nach dem 13. August 1961 gelang es bis zum Beginn des vorolympischen Jahres 1963 praktisch nur fünf bekannteren Sportlern, sich auf irgendeine Weise über das neutrale Ausland abzusetzen: dem Ruderer Hans Joachim Neuling, dem Geher Hans Koch, dem Motorradweltmeister Ernst Degner, dem elfmaligen Ringermeister Fred Kämmerer und dem Kanu-Weltmeister Günther Perleberg.

Die Reihe der Namen, die vor dem Bau der Mauer in die Bundesrepublik kamen, ist ungleich größer, aber kaum weniger spektakulär. Sie beinhaltet den Radsportprofi Horst Oldenburg, den Boxer Uli Nitschke, die Turner Walter Zschunke, Konrad und Eduard Friedrich, die Leichtathleten Manfred Steinbach, Klaus Porbadnik und Hannelore Keydel, die Schwimmer Hans Zierold, Christel Rademacher und Jutta Olbrisch, die Fußballspieler Assmy und Fritsche, die Kanufahrer Peter Hasse und Karl Schröder, den Autorennfahrer Edgar Barth sowie die Kunstspringer Klaus Konzorr, Bärbel Wolf und Karlheinz Joura.

Neben den Aktiven kamen auch die Trainer Syring, Pfau, Mügge, Herold und Scheibner sowie die Funktionäre Lohfinck (Skiverbandssekretär) und Scharch (Radsport-Präsident). Die Deutsche Hochschule für Körperkultur in Leipzig, das Zentrum des DDR-Sports, war gezwungen, innerhalb kurzer Zeit fast zwanzig Dozenten und Trainer zu ersetzen. Zu den Geflüchteten gehörten Professor Dr. Nöcker, Professor Dr. Noack, Dr. Neumann, Dr. Schuster, Dr. Braecklein, Dr. Kopf, Dr. Kirsten, Dr. Köhler, Peter Dietz, Karl Koch und Fritz Hartung.

Überraschend ist die Feststellung nach dieser Aufzählung, welch geringer Prozentsatz sich auch im freien Sport westlicher Prägung zu bedeutenden Leistungen aufschwang. Weitspringer Manfred Steinbach, inzwischen zum Professor der Medizin avanciert, versucht dieses Phänomen in einem beachtenswerten Artikel im Jahrbuch der Leichtathletik zu erklären. Steinbach schreibt hier zu diesem Thema: „Offenbar konnten sie mit der Vogelfreiheit nicht fertig werden. Drüben gehütet, alle Wege geebnet, vom Trainer geleitet, vom Staat zum Training freigestellt, ernährt, beruflich gehoben – das alles fällt weg. Es mag ihnen wie den Büchern gegangen sein, denen man plötzlich das Regal weggezogen hat, nun liegen sie bunt durcheinander, kein Leser findet sein angelesenes Stück mehr zurück.“

Ulrich Kaiser

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  • Quelle DIE ZEIT, 1.3.1968 Nr. 09
  • Schlagworte DDR | Trainer
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