Von Hanns Grössel

Guillaume Apollinaire gilt als Klassiker der Moderne. Sein Name wird häufig genannt, seine Werke aber werden selten gelesen – so selbstverständlich sind die Neuerungen geworden, die auf ihn zurückgehen.

Dabei fehlt es – zumindest in Frankreich – nicht an kritischen und editorischen Bemühungen um seine Arbeiten: Zahlreiche Einzeluntersuchungen und Gesamtdarstellungen sind ihm gewidmet worden, und 1966 ist eine vierbändige Gesamtausgabe von Michel Decaudin und Marcel Adema zum Abschluß gekommen. Auf deutsch dagegen liegen, außer Aufsätzen über die Maler des Kubismus und Briefen an Madeleine Pagès, bisher nur ausgewählte Gedichte aus dem „Bestiaire...“ sowie eine schmale zweisprachige Auswahl aus dem Gesamtwerk vor, die 1953 im Limes Verlag erschienen ist. Derselbe Verlag hat einen Prosaband Apollinaires herausgebracht –

Guillaume Apollinaire: „Der gemordete Dichter“ (Originaltitel: „Le poète assassine“), aus dem Französischen von Walter Widmer und Paul Noack; Limes Verlag, Wiesbaden; 200 S., 20 DM.

Diese Sammlung, im Original 1916 veröffentlicht, enthält sechzehn Texte unterschiedlichen Umfangs, deren Entstehung bis in das Jahr 1910 zurückgeht: Apollinaire hatte damals unter dem Titel „L’Hérésiarque et Cie.“ einen ersten Band mit Erzählungen vorgelegt, mit dem er erfolglos für den Prix Goncourt kandidierte.

Apollinaires Prosa steht an Rang und fortwirkender Bedeutung seiner Lyrik sicherlich nach. Doch lassen sich auch an ihr bestimmte Übergangssymptome beobachten, die seinen Beitrag zu Formelschatz und Wirklichkeitsverhältnis der modernen Literatur verdeutlichen.

Als Sohn einer Polin in Rom geboren und in sprachlich wechselnder Umgebung aufgewachsen, hat Apollinaire sich erst verhältnismäßig spät auf das Französische festgelegt und behielt zu dieser Sprache auch dann noch so viel kritische Distanz, daß er fremdsprachige Einsprengsel und Exotismen in seinen Werken mit aller Bewußtheit und künstlerischen Berechnung dosieren konnte; so, unter anderem, erzielte er den „leicht gebrochenen, barbarischen und vieldeutigen Ton“, den Paul Léautaud an ihm gerühmt hat.

Die Titelerzählung „Der gemordete Dichter“ – das umfangreichste Stück des Bandes – bietet Beispiele für dieses offene Sprachbewußtsein: etwa in der Verwendung des wallonischen Dialekts.

Das Wallonische hatte Apollinaire bereits in der Erzählung „Que vlo-ve?“ Que voulezvous?) benutzt, die Michel Butor zufolge die „Perle“ des Bandes „L’Hérésiarque et Cie.“ darstellt. Es war ihm von einem Ferienaufenthalt in Stavelot vertraut, und wie man in der Titelerzählung Spuren dieser Jugendepisode findet, so ist sie auch sonst mit wenig oder gar nicht verschlüsselten autobiographischen Zügen durchsetzt: Apollinaires langjährige Freundin, die Malerin Marie Laurencin, erscheint darin unter dem Namen „Tristouse Ballerinette“, Pablo Picasso unter dem Namen „der Vogel des Langmütigen“; apollinairesche Lebensstationen wie Rom, Monaco, Köln oder München werden nicht nur genannt, sie bilden den Hintergrund für das liebes- und leidensreiche Wanderleben des Dichters Croniamantal. Hinweise und Ausfälle gegen Zeitgenossen Apollinaires, sehr durchsichtige Persiflagen des Pariser Literatur- und Theaterbetriebs sind eingearbeitet, und wenn solche Züge den zeitlichen Rahmen der Erzählung streckenweise genau zu fixieren scheinen, so wird er sehr bald wieder durch Querverbindungen zu vorgegebenen zeitlosen literarischen Stoffen und Topoi gesprengt. Gleich eingangs etwa heißt es, hundertdreiundzwanzig Städte stritten sich um die Ehre, Croniamantals Geburt erlebt zu haben (natürlich eine Übertreibung zu den sieben Städten des Altertums, die als Geburtsort Homers gelten wollten), und die Ermordung des Dichters durch die Menge ist ein unüberhörbarer Nachklang des Orpheus-Mythos.

Wie Apollinaire in einem Brief an Madeleine Pages (vom 23. Februar 1916) äußerte, hat er „hier in einem neuen Stil geschrieben“ und „eine höchst lyrische, mit satirischen Elementen gemischte Erzählart“ gewählt. Diese Eigencharakterisierung erfaßt freilich nur einige der Stoff- und Sprachschichten, aus denen „Der gemordete Dichter“ erwachsen ist. Nicht nur, daß Apollinaire, der „mit allen Wassern der Weltliteratur“ Gewaschene, wie Robert Minder ihn nennt, sicherlich aus manchen zusätzlichen literarischen Quellen geschöpft hat – aus Rabelais beispielsweise –, seine „Erzählart“ ist noch auf andere als auf lyrische oder satirische Impulse zurückzuführen.

Die verschiedenen Bezugssysteme – antike Mythen, Stoffe der Weltliteratur – verlieren durch oft nur punktuelle Heranziehung die feste, allgemein anerkannte Bedeutung, deren sich frühere Dichtergenerationen auch in der Travestie noch hatten bedienen können; sie werden zu Form- und Stimmungselementen in einem poetischen Kaleidoskop, dessen wechselnde Muster nur noch durch individuelle Brechung und Spiegelung entstehen.

Zugleich bahnt sich in der Art, wie Autobiographisches verarbeitet und den fetzenhaften Anspielungen auf allseits Bekanntes gleichgeordnet wird, ein Vorgang an, der bei vielen modernen Autoren festzustellen ist und den man als Literarisierung des Privaten bezeichnen könnte. Er führt zur Ausbildung von sehr persönlichen Chiffren und Leitbegriffen, die sich zu einer einmaligen, unverwechselbaren Welt zusammenfügen – einer dichterischen Welt, deren Verständnis auf Hindernisse stoßen muß und die, ohne hermetisch zu sein, oft nur über Querverweise innerhalb des ganzen Oeuvres erschlossen werden kann; Georg Trakl, Ernst Jünger, auch Arno Schmidt sind Beispiele dafür.

Apollinaires „Gemordeter Dichter“ zeigt diesen Vorgang, wie gesagt, in Ansätzen. Es ist der Versuch, einen modernen, negativen Dichtermythos zu schaffen: Croniamantal wird aufs grausamste von der erregten Menge ermordet, und auf die Frage, woraus seine Statue anzufertigen sei, antwortet „der Vogel des Langmütigen“: „...ich muß ihm ein tiefsinniges Standbild aus nichts ausbauen, wie die Poesie und wie der Ruhm.“ Damit wird die Position des Dichters weitaus radikaler, pessimistischer bestimmt, als es mit dem noch immer romantisch getönten Begriff des poète maudit, des „verfemten“ Dichters, geschehen war.

Die übrigen Stücke des Bandes wiegen ungleich leichter, und der kurze Schlußtext, mit dem Apollinaire der Sammlung eine zusammenfassende Abrundung zu geben versucht hat, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß manches sehr flüchtig Skizzierte einbezogen worden ist, ausgenommen „Der Mondkönig“ mit seiner an Raymond Roussel gemahnenden Maschinen-Phantastik, ausgenommen vielleicht auch „Giovanni Moroni“, ein Prosastück voll scharf umrissener, farbig-sinnlicher Kindheitserinnerungen an Rom.

Es trifft sich, daß etwa gleichzeitig mit dem Limes-Band eine Bildbiographie Apollinaires von Vladimir Diviš im Prager Artia Verlag und im Verlag H. Bouvier u. Co., Bonn, eine Studie von Ferdinand Simonis über Apollinaires Lyrik erschienen ist. Möglicherweise – es wäre zumindest zu wünschen – sind das Anzeichen verstärkten Interesses für einen Autor, dessen Werke – vor allem das lyrische Werk der „Alcools“ und der „Calligrammes“ – fünfzig Jahre nach seinem Tode am 9. November 1918 noch immer nicht ins Deutsche übersetzt worden sind. Wenn diese Vermutung zuträfe, wäre „Der gemordete Dichter“ ein guter Anfang dazu, das Versäumte nachzuholen.