Von Adolf Metzner

Mit Olympia sind die modernen Olympischen Spiele gemeint und nicht die antike Kultstätte im grünen Alpheiostal, wo sich deutsche Ausgräber mit Ruhm bedeckt haben.

Es begann mit einem Boykott der Deutschen Turnerschaft, die damals schon 800 000 Mitglieder zählte, als der Franzose Pierre de Coubertin als Einzelgänger versuchte, seinen Traum von Olympia zu verwirklichen. Ein Boykott, von dem heute kaum noch jemand etwas weiß, der aber volle 40 Jahre währte und jetzt, wo die Olympischen Spiele wiederum durch einen drohenden Boykott der Staaten der „Dritten Welt“ in eine schwere Krise zu geraten scheinen, wert ist, der Vergessenheit entrissen zu werden. Zeigt er doch, daß das moderne Olympia nicht nur erst jetzt, sondern schon von Anbeginn an in Krisen gestürzt wurde, die es aber überwand.

Das ist der nüchterne Tatbestand: Von 1896 bis 1936 hat die Deutsche Turnerschaft, wie sie damals noch hieß, die größte Leibesübungen treibende Organisation der Welt, nur ein einziges Mal, nämlich 1908 in London offiziell an den Olympischen Spielen teilgenommen. Völlig boykottiert wurden die Spiele 1896 in Athen, 1900 in Paris, 1904 in St. Louis und 1912 in Stockholm. Teilweise boykottiert wurden die Spiele nach dem Ersten Weltkrieg, an denen die deutschen Sportler wieder teilnehmen durften, Amsterdam 1928 und Los Angeles 1932.

Wie kam es zu dieser Ächtung der Olympiade, mit welchen Argumenten wurde sie begründet, und welches waren die wahren Motive?

In der Absage des Ausschusses der Deutschen Turnerschaft vom Dezember 1895 auf die freundliche Einladung des griechischen Komitees für die Olympischen Spiele in Athen heißt es, daß die „Hauptleitung der Feste von vornherein uns Deutschen gegenüber eine Stellung mit Wort und Tat eingenommen hat, die es mit deutscher Ehre unverträglich macht, an den Wettkämpfen in Athen teilzunehmen“. Außerdem wurde in einer Niederschrift behauptet, die Deutschen seien nicht zu spät, sondern gar nicht eingeladen worden und ein Interview des Pariser Boulevardblattes Gil Blas mit Coubertin zitiert, worin dieser zu verstehen gegeben haben soll, daß die Deutschen mit Absicht zu spät eingeladen wurden, da die Anwesenheit deutscher Universitäten und Schulen die Teilnahme von französischer Seite stark beeinträchtigt hätte.

Der Wortlaut dieses Interviews wurde von Coubertin scharf dementiert. Tatsächlich hatte Coubertin dem deutschen Militärattache Oberst von Schwarzkoppen, der Sekretär des Straßburger Fußballklubs war, und dem Vizepräsidenten des Union-Klubs, General v. Podbielski, eine Einladung zugesandt. Der Reitergeneral konnte mit dem „Wisch“ nichts anfangen und soll ihn nach einer nicht verbürgten Version in den Papierkorb geworfen haben. Später besann er sich dann doch wohl eines Besseren und schickte ein allerdings nichtssagendes kurzes Schreiben an Coubertin.