Von Rosemarie Winter

Das Treppenhaus erinnert an Nachkriegszeiten. Die Schritte hallen. Eine schmale Tür, dahinter kein feiner Großraum, keine mit Teppichen ausgelegten Flure, nur harte Wartebänke und mächtige Aktenregale. Die Dame, die nach halbstündigem Warten an die Reihe kam, fiel in dieser nüchternen Umgebung auf, obwohl sie nur im Loden-Look erschienen war. Sie war an diesem Nachmittag der zwölfte Besucher. Ihr Fall, den sie dem Angestellten – und zugleich Vorsitzenden – des Hamburger Mietervereins schilderte, ist drastisch, aber nicht unüblich.

Seit acht Jahren bewohnte sie, zusammen mit vier anderen Mietparteien, das Haus, erzählte sie. Vor einiger Zeit sei unerwartet ein Makler erschienen. Er habe sich als neuer Hausbesitzer vorgestellt und gleichzeitig die Kündigung überreicht. Die anderen vier Familien haben nachgegeben; sie wußten nicht, daß sie nach dem in Schwarzen Kreisen“ geltenden Mieterrecht für Altbauwohnungen nur unter ganz bestimmten Umständen zum Auszug veranlaßt werden können. Die Dame im Loden-Look jedoch entschloß sich zu protestieren, als der neue Besitzer schon den Bulldozer geschickt hatte und den Vorgarten wegräumen ließ.

„Unmöglich“, sagt ihr Gegenüber und setzte den „Fall Bulldozer“ in Gang. Der Gerichtsbeschluß lautete wenig später: Der zum Abbruch treibende Hauseigentümer habe für die aufständische Mieterin nicht nur den Umzug zu bezahlen, sondern ihr zum Einkauf in eine neue Wohnung einen Genossenschaftsanteil zu besorgen und ihr überdies bis zum Einzug die Hotelkosten zu bezahlen.

Zweiter Fall: Der Abgesandte einer Kirchengemeinde bat den Vorsitzenden des Mieterbundes, von der Kanzel seiner Kirche Ratschläge zu erteilen. Sechshundert Menschen dieser Gemeinde fürchteten um ihre 360 Altbauwohnungen. Eine Wohnungsbaugesellschaft hatte sie erworben und wollte daraus Eigentumswohnungen machen. Die Alternative für die überraschten Mieter hieß: entweder aus den Wohnungen zu ziehen oder sie zum Preise von je 40 000 Mark (8000 Mark Anzahlung, fünf Jahre lang 245 Mark Wohngeld an Stelle der bisherigen Miete von 100 Mark) zu erwerben.

Die meisten dieser Leute waren Rentner. Der Quadratmeterpreis ihrer alten Bleibe wurde plötzlich mit 800 Mark veranschlagt; laut Vertrag jedoch kann das Grundstück im Jahre 2002 von der Hamburger Finanzbehörde zurückgekauft werden für einen Preis von 15 Mark je Quadratmeter – und dies wiederum machte es schwierig, Hypotheken für den Erwerb der Eigentumswohnungen zu finden. Was also sollten die alten Mieter tun?

Die Protestversammlung fand in der Kirche statt, das Echo war laut, die neue Gesellschaft änderte ihren Plan und verwandelte nur noch diejenigen Mietwohnungen in Eigentumswohnungen, deren Mieter freiwillig auszogen.