Günther Schneider-Siemssen entwirft für Herbert von Karajan die Bühnenbilder zu dessen Salzburger Inszenierung von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“. Welche Forderungen stellt Karajan an seinen Bühnenbildner?

Im Pariser Hotel Plaza Athénée hatte man vergessen, mich zu wecken. So ging die Frühmaschine nach London ohne mich. Zu meiner großen Verzweiflung. Wer allein sich darüber freute, war Herbert von Karajan. Ihm waren über Nacht wieder hundert neue Gedanken zu unserer bevorstehenden Inszenierung gekommen. Und diese Ideen sollten erst wieder versiegen, wenn der Regisseur Karajan mit dem Dirigenten Karajan den Platz wechselte. Das ist immer so, und das ist faszinierend an einer Zusammenarbeit, die dadurch niemals ermüdet oder gar langweilt.

Karajans Vorbereitungen zu einer neu zu inszenierenden Oper beginnen immer sehr frühzeitig, meist zwei Jahre zuvor. Um so gesteigerter und intensiver waren sie bei einem so großen wie auch problematischen Werk wie dem „Ring des Nibelungen“. Weit gesteckte Themenkreise, wie die Entstehung der Erde oder archetypische Vorbildungen im Menschen, führten letztlich zum eigentlichen Thema und da auch schon zur Essenz der Inszenierungsform.

Innerhalb von solchen Diskussionen kristallisiert sich dann beim Regisseur Karajan die klare Vorstellung heraus, die anschließend von mir in unzähligen Skizzen manifestiert wird.

Durch unsere langjährige Zusammenarbeit weiß ich, daß Karajan vor allem ein Grundkonzept benötigt, ein – wenn ich es so nennen darf – Korsett, das aber niemals beengend oder gar einschnürend wirken darf. Es muß geschmeidig sein und so viel Bewegungsfreiheit besitzen, daß es dem Regisseur möglich ist, darin zu ordnen und zu formen.

Gefährlich wird es dann, wenn ein Bühnenbildner Karajan ein Bild schafft – also einen Aufriß und keinen Grundriß – und wenn dieses Bild in seinen Höhen und Positionen völlig verschoben und abgeändert werden kann. Zwar kommt dann im Laufe der Arbeit mit Regie und Beleuchtung auch ein Resultat zustande, aber das zwingende, feste Ideengerüst ist nicht mehr vorhanden. Aus diesem Grund geht Karajan schon bei der „Entstehungsgeschichte“ eines Bühnenbildes auf den Grundriß ein und erst recht spät auf die Frage der Farben.

Viel wichtiger ist ihm das Modell. Ganz gleich, wo die Besprechung stattfindet, ob auf einem Flug nach Paris oder in seinem Haus in Mauerbach, behält dann Herbert von Karajan das Modell für einige Tage bei sich. Er erarbeitet daran schon die Inszenierung. Und wenn ich dann einige Tage später wiederkomme, liegen die Dekorationsteile verstreut im Zimmer, ein aufgebautes Bild am Flügel, eines auf der Fauteuillehne ... es sieht sehr nach Arbeit aus!