Daß Labour derzeit direkt an die Tories verliert, hat mit den beiden Parteiführern sicher am wenigsten zu tun. Immer noch finden 84 Prozent der Labour-Anhänger, Wilson sei der beste Premierminister, und nur 58 Prozent der Tories glauben, daß Edward Heath ein guter Oppositionsführer sei. Selbst nach seinen jüngsten Erfolgen schrieb die – dem Tory-Anhänger Thompson gehörende, gewiß nicht sozialistische – „Sunday Times“, Heath sei eine Alternative für Fatalisten, und das Beste, was man ruhigen Gewissens über die derzeitigen Konservativen sagen könne sei, daß es sie überhaupt gebe.

In solch sarkastischem Beistand wird Wilson keinen Trost suchen. Denn da rührt sich nur etwas von der englischen Sympathie für den allzu geprügelten Hund, ein Almosen, das man freigebig verteilt und von dem zum Beispiel Sir Alec Douglas Home bis an sein seliges Ende zehren wird, während man es Eden nie gegönnt hat, auch Macmillan nicht.

Um so erstaunlicher muß es sein, daß die enttäuschte Liebe zu Labour und die noch nicht wieder erwachte Zuneigung zu den Tories nicht dritte und vierte Parteien nur so aus dem Boden schießen läßt. Bei den jüngsten Nachwahlen gab es lediglich in Acton, einem Londoner Wahlkreis, einen gewissen Erfolg für einen Unabhängigen, der mit seiner Anti-Einwanderungspolitik immerhin sechs Prozent der Stimmen holte. Unter einem Verhältniswahlrecht wäre das ein böses Omen für die Zukunft, hier hat man nur die Achseln gezuckt. Das Mehrheitswahlrecht mag auch in England nicht immer fabelhaft klare Parlamentsverhältnisse schaffen, aber es hält die Sekten und die Narren fern. Diese Funktion wird niemand unterschätzen.

Selbst wenn die Nationalisten in Schottland und Wales wider Erwarten alle Wahlkreise erobern sollten, so wären das nur 107 von insgesamt 630 Sitzen. Das englische Mehrheitswahlrecht ist vor allem auch ein Wahlrecht der englischen Mehrheit. Dieses Wahlrecht wird sein Teil dazu beitragen, die ungeliebten Tories 1970 oder 1971 sicher ins Amt zurückzubringen. Es steht nicht mehr in der Macht der Wilson-Regierung, neue Katastrophen durch Gegenmaßnahmen abzufangen. Keine Pfundkrise darf sich mehr ereignen, kein Kanal gesperrt, kein Krieg erklärt werden. Obendrein müssen die Konsumabschöpfungsmaßnahmen ihre erwünschte Wirkung tun. Die Gewerkschaften müssen stillhalten und zusehen, wie zwar die Preise steigen, nicht dagegen die Löhne.

Die Partei muß ihre Führungskrise bereinigen, und die Fraktion darf sich nicht, wenn sie weiter zusammenschrumpft auf Mehrheiten von nur noch sechzig oder fünfzig Sitzen, den Luxus massiver Stimmenthaltungen im Stil der beiden letzten Jahre gönnen, und George Brown und Emanuel Shinwell dürfen nicht mehr in den Teezimmern des Unterhauses Miene machen, sich im nächsten Augenblick vor aller Augen erwürgen zu wollen. Wer findet, daß dies alles nicht zu viel erwarten heißt, der kann sich auch für Labour noch eine Chance ausrechnen.

Immerhin verlor Macmillan 1962 ähnlich hoch bei den Nachwahlen. Und trotz skandalöser Profumo-Krise, turbulentem Führungswechsel und ständig wachsender Staatsverschuldung brachte der vielbelachte Sir Alec Douglas Home die schwer zerrüttete Tory-Partei 1964 bis auf drei Sitze an den Wahlsieg heran. Wer damals fand, das sei nicht zu erwarten gewesen, der muß Labours Chancen sogar noch höher veranschlagen.