Zehn bis fünfzehn von 1000 Kindern sterben im Mutterleib oder nach der Geburt und an der Sorglosigkeit ihrer Mütter, der Unwissenheit deren Ärzte, an der Sparsamkeit, an der mittelfristigen Finanzplanung. Denn nur eine von 100 bundesdeutschen Schwangeren wird so oft, so regelmäßig und so sachkundig untersucht, wie es im Lebensinteresse ihres Kindes geboten erscheint. Nur eine Minderheit der Neugeborenen, denen nach schwerer Geburt Dauerschäden drohen (etwa jedes sechste bis zehnte Kind gehört dazu), erfährt die nötige Intensivpflege.

So klagen die Perinatologen (griechisch peri = umherum, lateinisch natus = Geburt), die vorige Woche in Berlin ihren ersten europäischen Kongreß abhielten. Erst in den letzten Jahren hat die Forschung Methoden bereitgestellt, bedrohliche Zustände des Neugeborenen schon im Mutterleib zu erkennen, so daß sich Geburtshelfer und Kinderärzte beizeiten auf eine Risikogeburt vorbereiten können. Hauptgefahr für das Neugeborene: Sauerstoffmangel; gefährlichste Folge: zu Tod oder Schwachsinn führende Gehirnschäden.

So jung sind die Erkenntnisse dieser medizinischen Fachdisziplin, daß ihre Vertreter sich erst vor einer Woche zu einer europäischen Gesellschaft zusammenfanden. Die deutsche Vereinigung gibt es jetzt gerade ein Jahr. Allmählich aber wird es Zeit, daß sich das kleine Einmaleins der Schwangerenvorsorge überall herumspricht, meinen die Perinatologen. Denn es ist nicht so schwer zu memorieren:

1. Jede gesunde werdende Mutter geht während der Schwangerschaft mindestens zehnmal zu ihrem Arzt.

2. Findet der Arzt auch nur eines der vielen Alarmzeichen für eine Risikogeburt, dann schickt er seine Patientin in die Schwangeren-Beratung einer Spezialklinik, wo sie später auch entbunden wird.

3. Treten bei der Geburt irgendwelche Komplikationen auf, dann wandert das Kind nicht in die allgemeine Neugeborenen-Station, sondern in eine Intensivpflegeabteilung und wird dort so versorgt wie erwachsene Frischoperierte.

Die perinatale Sterblichkeit (Todesfälle von der zweiten Schwangerschaftshälfte bis zur ersten Lebenswoche) ließe sich von derzeit 2,9 Prozent auf 1,5 bis zwei Prozent senken. Was steht dem entgegen? Das Mutterschutzgesetz zum Beispiel, zumindest wie es heute praktiziert wird: Es garantiert zwar den sozialversicherten Schwangeren kostenlose Vorsorgeuntersuchungen bei ihren Frauenärzten, führte aber zum Abbau der Schwangeren-Beratungsstellen in den großen Kliniken, die den frei praktizierenden Gynäkologen – wie es schien – unnötige Konkurrenz machten.