David Lampe: „The Last Ditch“; Verlag Cassell, London; 220 Seiten, 36 sh.

Was hätte sich in England abgespielt, wenn die Deutschen das Inselreich im Herbst 1940 besetzt hätten? Diese Frage hat seit langem die Einbildungskraft britischer Schriftsteller, Dramatiker und militärischer Theoretiker angeregt. Niemand hat jemals bestritten, daß es in Großbritannien eine „Fünfte Kolonne“ gegeben hat, die bereit gewesen wäre, Hitler mit offenen Armen willkommen zu heißen. Nicht ohne Grund wurden Tausende von Briten auf der Insel Man interniert. Lampes Buch, gestützt auf bisher unveröffentlichtes Material, ist die erste eingehende Studie, die sich mit den Absichten von Siegern und Besiegten befaßt.

Wäre es den deutschen Truppen im September 1940 gelungen, durch Barrieren brennenden Pechs und durch Schwaden abgeblasenen Giftgases an Land zu waten und die britischen Inseln ganz oder zum Teil zu besetzen, dann hätte den Briten ein Terrorregime gedroht, wie es nicht einmal in Osteuropa praktiziert worden ist. Ein Dutzend Geheimbefehle waren bereits von General Halder unterzeichnet, der sich noch ein Vierteljahrhundert später dem Autor gegenüber strikt weigerte, über die ihm vorbehaltene Rolle zu diskutieren! Es war vorgesehen, alle Briten im Alter von 17 bis 45 Jahren zu verhaften und sie nach Nordfrankreich zu bringen, wo bereits Konzentrationslager errichtet worden waren.

Sobald einmal das Besatzungsregime etabliert war, sollten die Deutschen tun können, was sie wollten. Es ist nicht ohne sardonischen Humor, daß der festgesetzte Umrechnungskurs von Pfund und Mark genau der gleiche sein sollte, wie er im November 1967 nach der Abwertung festgelegt worden ist! Wirtschaftlich waren Maßnahmen vorgesehen, die durchaus als Vorläufer des Morgenthau-Planes angesehen werden können. Durch Beschlagnahme aller wesentlichen agrarischen und industriellen Güter sollte England auf den Stand eines hungernden und unproduktiven Landes reduziert werden.

Kaum ein prominenter Brite wäre dem Hausarrest oder der Verhaftung entgangen. Denn im Schutze der Wehrmacht sollte Dr. Franz Alfred Six, der 1952 als Kriegsverbrecher vorzeitig begnadigt wurde und sich während des Eichmann-Prozesses vorsorglich in die Schweiz absetzte, die Gestapo-Herrschaft errichten. Ein SS-Major mit dem unwahrscheinlichen Namen Walter zu Christian hatte bereits eine Sonderfahndungsliste zusammengestellt, die hier zum erstenmal weitgehend abgedruckt wird. Die Liste ist 350 Seiten stark und enthält auch 171 Namen von berühmten Firmen, die Göring konfiszieren wollte. Natürlich stehen alle führenden Staatsmänner und Politiker auf der Liste, mit der unrühmlichen Ausnahme von Sir Alec Douglas-Home und Lord Butler, die für das Münchner Abkommen gestimmt haben. Allerdings sollten auch Neville Chamberlain und Lord Halifax verhaftet werden. Einen gefährlichen „Deutschenfresser“ wie Lord Cherwell alias Lindemann hatte die Gestapo ebenso vergessen wie andere führende britische Naturwissenschaftler.

Versteht sich, daß alle prominenten Emigranten auf der Liste verzeichnet sind, desgleichen alle britischen Agenten, deren Namen man nach der Besetzung von Nord- und Westeuropa feststellen konnte. Man bemerkt auch Gans Edler Herr zu Putlitz, einen Agenten des britischen Geheimdienstes, der sich als Kanzler der deutschen Botschaft im Haag im September 1939 nach England rettete und bei seiner Ankunft, als Frau verkleidet, zur Konsternation der Hafenpolizei mit dem Geheimdienst telephonieren wollte. Mir scheint aber, daß diese Liste nicht mit letzter teutonischer Sorgfalt angelegt war, tauchen doch Namen auf wie Sigmund Freud und Dora Fabian, die beide schon vor längerer Zeit gestorben waren.

Wie aber würden sich die Engländer unter deutscher Besetzung verhalten haben? Für viele war es eine große Überraschung, zu lesen, daß Großbritannien im Herbst 1940 bereits eine völlig durchorganisierte Widerstandsbewegung gehabt hat, von der selbst in den ersten Nachkriegsjahren nur wenig in die Öffentlichkeit sickerte. Mr. Lampe hat unwahrscheinlich interessantes Material darüber sammeln können, obwohl ihm kaum amtliche Unterstützung geliehen worden sein dürfte.