Von Walter Jens

Gewiß, die Fehler bieten sich an: Manche Kapitel sind überflüssig, manche stehen nicht an ihrem Ort, manche sind beliebig vertauschbar, manche haben Exkurs- und Füllselcharakter. Dem Autor fällt zuviel ein; der Leser spürt schon nach wenigen Seiten: Hier ist jemand am Werk, der sich restlos verausgabt und alles anbringen möchte, was er erlebt, gesehen und gelesen hat – von Proust bis hin zu Greta Stolterfoth (der Buchhandlung am Rothenbaum), von Sacha Guitry bis Springer, vom Ostermarsch bis zu Heidelbergs Waffenstudenten.

Nichts darf fehlen, ein Dreißigjähriger macht reinen Tisch, assoziiert manchmal manisch drauflos, erzählt, was ihm einfällt, bleibt nie in der Bahn, springt ab und sitzt noch gar nicht im Sattel, verirrt sich und behält doch den Ariadne-Faden im Blick, kommt von der Weltbeschwörung zum Seelengeständnis, schmuggelt Privatestes in Lehrbuchabschnitte ein, wird unverständlich, spricht einmal ausschließlich für Altphilologen (der Gammler-Vater Loddl im Licht der aischyleischen Theorie, daß die Mutter unwichtig sei), ein anderes Mal, von kalzinierten Embryos redend, für Gynäkologen, dann wieder (beispielsweise, wenn für „masturbieren“ der Ausdruck „die Uhr aufziehen“ erscheint) für Kenner der Umgangssprache vom Rang eines Küppers.

So viele Fehler – und doch ein großes, bewegendes, erhellendes Buch. Ein Roman, der von phantastischen Einfällen, Wortspielen, syntaktischen Zaubereien und den verwegensten Raum- und Zeitsprüngen strotzt – und zugleich ein Werk, das vom Geist des wissenschaftlichen Zeitalters geprägt ist. Eine Ballade, die niemals in den Traktat-Ton verfällt und dennoch die Unterweisung durch Arbeiten auf den Feldern der Soziologie, der Verhaltensforschung oder Medizin nicht verleugnet.

Ein ernster, kenntnisreicher und sprachkundiger Mann, begabt mit erstaunlicher Einbildungskraft, hat ein Buch geschrieben, das nicht schildert, sondern interpretiert – einen Roman, der Resultate der Wissenschaften so anschaulich und spielerisch bestätigt, ergänzt und erweitert, daß er seinerseits zum Ansatzpunkt neuer wissenschaftlichen Überlegungen werden könnte.

Dabei ist das Thema keineswegs neu: Es geht um einen Initiationsprozeß, die Lebensunterweisung, die einem jungen Ästheten, Träumer und Zuschauer namens Jäcki im Kreise der Gammler, Schwulen, Drogenfresser und Trinker zuteil wird. Die Lehranstalt heißt „Palette“, ist ein verifizierbares Hamburger Etablissement und zählt, hundert Schritte vom Gänsemarkt entfernt, zu ihren Schulmeistern so erfahrene Kräfte wie Tripper-Susi, Schudl, Fensterputzerkarl oder Do You Know Basel – Personen, die der Verfasser abwechselnd aus sehr großer Nähe und riesiger Ferne beschreibt, denen er hier auf den Pelz rückt, um sie dort, mit Sternenaugen betrachtet, wie winzige Puppen tanzen zu lassen.

Einmal läßt er sie eine Weile lang laufen und tut so, als seien sie ganz unter sich, diese gammelnden Dauerredner zwischen Gänsemarkt und Pinnasberg, ein anderes Mal unterbricht er plötz- und die Handlung, sagt „stop“ oder „bis hierhin und keinen Schritt weiter“, gibt einen Kommentar in der ersten Person Singularis (etwa: Warum ich soviel erzähle, was scheinbar gar nicht zur Haupthandlung paßt, oder: Weshalb ich nicht bei der Stange bleiben mag), steuert Persönliches aus Frankreich oder Schweden bei, legt Rechenschaft ab über die von ihm gewählte Erzählperspektive, erläutert, nicht nur am Schluß, sein Verhältnis zu den Figuren, unterscheidet zwischen realem und fiktivem Geschehen, läßt beiläufig wissen, daß die „Paletten“-Welt sich aus dem portugiesischen Sesimbra – dort sitzt der Autor und schreibt – anders ausnimmt als damals in Hamburg, und fährt fort, die Geschichte eines jungen Mannes zu erzählen – sein Großvater mag Thomas Manns Hans Castorp, sein Vater Martin Walsers Hans Beumann sein (er selbst, der Hans von heute, nennt sich Jäcki), der in diesem Buch so lange Hauptfigur bleibt, wie der Erzähler einen Cicerone braucht, mit dessen Hilfe er die Sitten und Gewohnheiten des „Paletten“-Volks darstellen kann.