Von Haug von Kuenheim

Berlin, im April

Der Polizeihauptwachtmeister Johannes Schrader lächelte verlegen. Aber da er zu wissen schien, worauf es ankam, formulierte er mühelos: „Wir schützen, gestützt auf die Verfassung, die Interessen des Volkes. Es ist selbstverständlich, daß ich ja sage.“ Die Mitarbeiterin des „Neuen Deutschland“, Karin Uhlemann, notierte es sorgfältig in ihrem Block, bedankte sich und stürzte sich auf ihr nächstes Opfer, die Rentnerin. Frieda Mesa. Diese saß arglos auf einer Bank Unter den Linden und genoß den ersten sommerlichen Frühlingstag. Auch sie wußte, was sie der Arbeiter- und Bauernmacht schuldete und formulierte druckreif: „Ich werde mein Ja geben.“

Ostberlin, während der Tage der turbulenten Prager Ereignisse, kennt offiziell nur ein Thema: den Entwurf für die neue Verfassung. Und der Funktionär der Einheitspartei, ein hochqualifizierter Flugzeugbauer, findet dies ganz in Ordnung. „So kommen wenigstens unsere Leute gar nicht auf andere Gedanken. Man muß ihnen immer etwas vorsetzen, woran sie zu kauen haben, auf Betriebsversammlungen, in Parteizirkeln, in Arbeitsgemeinschaften und im Polit-Unterricht.“ Eine neue Art der Beschäftigungstherapie.

Und brav spielen sie alle mit. Erwin Strittmatter, Schriftsteller und Nationalpreisträger: „Da ich mich bejaht sehen möchte, bejahe ich die Verfassung“, gibt er öffentlich kund, „... gedruckt sehen möchte, müßte es heißen“, so meinen neidvolle Kollegen. Und sie belächeln auch das Photo des Starschauspielers Wolf Kaiser auf der ersten Seite der „Berliner Zeitung“: „Ich mach’ es mit Freuden – ein deutliches Kreuz in jenen Kreis, wo das ,Ja‘ steht.“ „Nötig hat er’s“; „Karriere will er machen“; „widerlich, wie er sich anbiedert“. Die Ästheten rücken ab von dem Ja-Spielchen und wissen zu melden, daß Abseitsstehen nicht geahndet wird.

Der Entwurf für die neue Verfassung ist nicht privater Gesprächsstoff, eher Zielscheibe für mokante Bemerkungen oder verschlüsselte Erklärungen, deren tieferer Sinn zwischen den Zeilen zu lesen ist.

Gesprächsstoff aber ist Prag. Nicht in der Eckkneipe, nicht im Theaterfoyer, nicht im Café Unter den Linden zwar, aber abends zu Hause, wenn, die Tagesschau aus Hamburg oder das Programm aus Mainz eingestellt werden. Die Ereignisse an der Moldau sind an der Spree bekannt. Und jener SED-Funktionär, zugebend, daß seine Mitbürger sich über Novotny und Dubček, über Goldstücker und Ota Sik durch westliche Sender informieren, nimmt die SED-Presse in Schutz: „Sie berichtet doch das Allernotwendigste. Die Konferenz von Dresden, die Wahl von Dubrowa. Was in unseren. Zeitungen fehlt, ist nur ein bißchen Farbe, ein bißchen Stimmung.“