Im Haus des französischen Automobilklubs am Place de la Concorde in Paris wurde ein exquisites Diner serviert, die Sonne schien – die Stimmung der 66 Delegierten aus 44 Ländern ließ sich vom berühmten Pariser Frühling infizieren. Der Tennis-Weltverband hatte zu einem außerordentlichen Kongreß geladen, zum wichtigsten, den es in der Geschichte dieser Föderation gegeben hatte. Es galt, eine drohende Revolution abzuwenden. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als die Spaltung des Weltverbandes. Als man auseinanderging, gab es nur freundliche Gesichter, man schüttelte sich die Hände, klopfte sich auf die Schultern. Der Kongreß hatte auf dem Drahtseil getanzt und es war gut gegangen. Die Tennis-Revolution fand nicht statt.

Den Anlaß zu all den schlimmen Befürchtungen hatte Ende vergangenen Jahres der britische Verband geliefert. Die Lawn Tennis Association hatte sich im Londoner Queens Club dafür ausgesprochen, auf der Insel nur noch sogenannte „offene“ Turniere zu veranstalten, bei denen Amateure und Professionals gegeneinander spielen dürfen. Außerdem erklärte man, daß es in Zukunft diese beiden Arten von weißen Sportlern nicht mehr geben solle; in Großbritannien wollte man nur noch von „Spielern“ sprechen – wie man man es im Cricket tut.

Eine lebendige Lüge

Grund dieser Neuerungen, die praktisch offene Rebellion gegen die bestehenden internationalen Tennisregeln bedeuteten, war die Vogel-Strauß-Politik der ILTF (International Lawn Tennis Federation), die jahrzehntelang allen sich zeigenden Problemen aus dem Wege gegangen war. Man hatte die Spesen-Spirale, mit der tennisspielende Amateure von Jahr zu Jahr besser als viele ehrliche Berufssportler verdienten, einfach ignoriert. Die Briten nannten das Ganze eine lebende Lüge und schlugen zwei Fliegen mit einer Klappe: Einmal standen sie nun als Leute da, die die Ehrlichkeit auf ihren Schild geschrieben haben – zum anderen konnten sie sich den lange gehegten Wunsch erfüllen, endlich auch die Profis auf Wimbledons Rasenplätzen spielen zu sehen.

Die Reaktion folgte kurz darauf: Der römische Rechtsgelehrte Dr. Giorgio di Stefani, Präsident des Tennis-Weltverbandes und „nebenbei“ Exekutiv-Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, sperrte Großbritanniens Verband ob solcher Eigenmächtigkeit. Er hatte allerdings kaum mit dem Wirbel gerechnet, den er damit entfachte. Besonders die Schweden kletterten neben den Briten auf die Barrikaden, entwickelten eine hektische Telegraphier- und Reisetätigkeit und brachten schließlich jene Anzahl von Stimmen zusammen, die dazu nötig war, einen außerordentlichen Kongreß zu rechtfertigen. Der offizielle Antrag, den sie einbrachten, unterschied sich nur wenig von dem der Briten: Es sollte ab sofort keine Amateure oder Berufsspieler mehr geben, sondern nur noch Spieler.

Einen Tag, bevor man sich am vergangenen Wochenende in Paris traf, zogen die Skandinavier diesen Antrag zurück. An Stelle dieses Vorschlags setzten die diversen Komitees der Tennis-Weisen einige andere: Offene Turniere, aber nur eine bestimmte Anzahl, die von der ILTF genehmigt sein müssen. Außerdem sollte eine neue Spieler-Kategorie eingeführt werden – die des „Lizenzspielers“. Dieser muß mindestens achtzehn Jahre alt sein, soll neben dem Tennis einen Beruf haben und darf im Davispokal eingesetzt werden.

Die Abstimmung war dann kaum mehr als eine Formalität: Es gab die erwartete Mehrheit. Im einzelnen haben die Neuerungen folgendes Aussehen: Die Internationalen Tennismeisterschaften von Australien, Frankreich, Großbritannien, der USA, Südafrika, Asien, Skandinavien und Südamerika gelten als offene Turniere. Weitere Veranstaltungen können hinzukommen, sofern es die nationalen Verbände wünschen. Den nationalen Verbänden bleibt es auch vorbehalten, wie sie in Zukunft ihre Aktiven nennen wollen, welche Spesen sie ihnen zuerkennen und was sie ihnen für Rechte einräumen. Im Rausch der allgemeinen Zustimmungen befürwortete man auch eine Empfehlung der sowjetischen Delegierten: Die Russen möchten gern, daß die reinen Amateure auch Europameisterschaften austragen. Sollen sie ...