Dienstag, 26. März, I. Programm: „Lebeck“

Roman und Film haben den gleichen Titel: Lebeck; der Roman, ein passables Stück Prosa, stammt von Günter Seuren; der Film, eine vorzügliche Bilder-Sequenz, ist ein Gemeinschaftswerk von Seuren und Johannes Schaaf.

Zwei junge Männer namens Ketta und Schaak – Reporter der eine, der andere Photograph – haben einen seltsamen Fisch in ihrem Netz. Lebeck heißt der, trägt ständig Dokumente mit sich herum, hat im Kriege gehungert, um nicht Soldat werden zu müssen, will das beweisen, erwartet den Dank der Nation für seine Tat, wird aber schmählich behandelt: der Widerstandskämpfer (der Drückeberger?) am Pranger; Senker hingegen, der Widersacher: ein alter Nazi, in dessen Park man kurz vor dem Ende des Krieges drei Soldaten erschoß (Lebeck bot sich als das vierte Opfer an, wurde abgewiesen, nicht für voll genommen, war schließlich zwei Jahre in einer Heilanstalt, hat einen Jagdschein) – Senker also sieht sich als Honoratiore und Gutsherr mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Der kleine Fisch, denkt Ketta, kann mir als Köder dienen, um den großen Hai vor die Linsen zu zerren: Lebeck hat die Szene in Senkers Garten gesehen, Lebeck ist Zeuge, ihm wollen wir folgen. Aber als man dann ankommt und Senker aufzutischen beginnt, den Burgunder und die patriotischen Märchen, zerfällt das Köderchen schnell. Der Hungerkünstler von gestern tut sich heute gütlich am Rotspon, die Trunkenheit zeigt sein wahres Gesicht (wenn er es hat); zwei deutsche Männer einigen sich, der eine war dafür, der andere dagegen; aber beide sind in erster Linie Idealisten und Deutsche, beide besorgten die Sache gründlich und um ihrer selbst willen, beide, Lebeck und Senker, strebten dem Unvollendbaren nach. Die Jungen zucken die Achseln über die Steinzeitmänner, sie sind pragmatisch gesonnen, realistisch und genau und auch grausam; sie sagen „Ich habe das Gefühl, hier wohnen stramme Kirchgänger“; der Mann, der zweiundfünfzig Tage lang gehungert hat („länger als Jesus“), bedeutet ihnen so wenig wie jener Beelzebub mit dem Bundesverdienstkreuz, der sich rühmt, er habe als Nazi der Gegenseite zur Entfaltung der schönsten Kräfte verholfen.

Zwei Fossile werden im Demonstrationskurs gezeigt; Deutsche von gestern stellen sich den Vertretern der one world von heute im Spiritusglas dar: Welch ein Thema, welch eine aspektreich-beiläufige, vom Geist des konsequenten Unterstapelns getragene Lösung des Vorwurfs – eine Lösung, die optimal genannt werden könnte, wenn am Ende die Balance nicht zerstört würde und Senker gar zu eindeutig über den allzukläglichen Lebeck obsiegte! (Erst wenn sich auch Senker vor dem humanen Narren mit der Aktentasche verneigt, ist das makabre Versöhnungsspiel der deutschen Männer vollkommen; erst das absolute Remis führt dem Betrachter vor Augen, wie radikal hier entlarvt worden ist.)

Regie eines Meisters; ein konsequentes Handhaben der Verfremdungs-Effekte (Zeitlupenaufnahmen, Spiele mit nahen und weit entfernten Mikrophonen, atmosphärische Szenen im Wechsel mit Demonstrations-Passagen), glänzende Schauspieler: Kiaulehn als Peeperkorn vom Niederrhein – aber zynischer und bösartiger; Heinz Meier als Kafkascher Hungerkünstler: ein Narr, dessen Untergang Schmerzen erregte; ein – abgesehen vom Finale – vorzügliches Drehbuch: Die vier Worte so gut wie Lebeck werden von nun an als Qualitätsmarke gelten.Momos