Die Bitte von Bengt Hambraeus, mit einigen Gedanken über die argentinische, die lateinamerikanische Musik beizutragen, stellt mich vor eine diffizile Aufgabe.

1931 in Buenos Aires geboren, verließ ich Argentinien 1957 und war in den vergangenen zehn Jahren nur einmal dort, für einen direkt familiären Besuch.

Es ist nicht so, daß ich das Land meiner Geburt verachte oder daß die argentinische Nationalität mir Unbehagen bereitet. Aber die ununterbrochene politische Katastrophe, die seit bald dreißig Jahren Argentinien, (und den südamerikanischen Kontinent sogar noch länger) erwürgt, sind eine zu schwere Hypothek beim Verfassen von Gedanken, die ausschließlich kulturellen, musikalischen Themen gewidmet sein sollten.

Wenn ich das Wort „Argentinien“ höre, denke ich nicht zuerst an Musik, Literatur, Theater oder bildende Künste, sondern an die Reihe miserabler Regierungen und toller Diktaturen, an die Zensur – die eher von unglaublicher Naivität als von übertriebener Bosheit zeugt –, an die triste Rolle der Kirche, an den systematischen Abbau fortschrittlicher Universitäten, an den charmanten Ausverkauf der Bodenschätze, an die Kurzsichtigkeit gegenüber sozialen Notwendigkeiten, an die unendliche Kette von Fehleinschätzungen, Selbstmitleid, Verrat, Mängeln und Unvollkommenheit, die diese menschenunwürdigen Menschen vollbrachten, die sich mit Stiefel und hierarchisch poliertem Blech umgeben, und die man schlicht „Militär“ nennt.

In Argentinien fremd und in Europa ein Südamerikaner, habe ich mir manchmal die Frage gestellt, wie (und wo?) jene Chimäre, in einem vertrauenerweckenden Land zu leben, verwirklicht werden könnte. Ein Land ohne Befehlshaber des Glaubens und Vaterlandsbegeisterung, ohne nationalen Schwulst und Panrassismus, ohne Offiziere als Gesetzgeber und Ratgeber als Minister, ohne ritterliche Führer und Beseliger aller Dinge, ohne Gruppengesang, Lenker, Friedensfürsten, Versöhner, Scharfrichter, Gedenktafeln. Ein Zauberland? Ein utopisches Nichts? Ein komponiertes Hirngespinst? Sicher.

Die tugendhafte Ohnmacht der (lateinamerikanischen) Intelligentsia gegenüber der regierenden Macht hilft kaum noch, das Kind beim rechten Namen zu nennen. Es wird auch dort immer noch nach Byzanz gekrochen, um den Speichel amtierender Minister zu sammeln; man kommt immer noch auf allen Vieren zu jenen politischen Parteien, die die alten Schulden nicht begleichen, auch dann nicht, wenn man sich reichlich mit spießigem Gedankengut eingedeckt hat.

Wenn ich an Argentinien denke, dann muß ich notgedrungen an all jene begabten südamerikanischen Künstler denken, die verbriefte Minderwertigkeitskomplexe schaffen und stets entschlossen sind, das nächste Schiff zu nehmen, um diese Zukunftsländer für immer zu verlassen.