Wie viele Monate bleiben uns noch bis zur nächsten Währungskrise? Wenn man den Prognosen aus Paris glauben will, dann wird das System von Bretton Woods noch in diesem Jahr zusammenbrechen.

Über das Schicksal der internationalen Währungsordnung aber wird nicht in Paris, sondern in Washington entschieden. Wenn es den Amerikanern gelingt, noch in diesem Jahr oder allerspätestens 1969 – vielleicht durch einen Friedensschluß in Vietnam – eine zu Buch schlagende Verbesserung ihrer Zahlungsbilanz zu erreichen, könnte das Vertrauen in den Dollar rasch wieder wachsen. Immerhin sind die USA nicht nur die größte Industriemacht der Welt, ihre Wirtschaft hat auch seit Jahren ein überdurchschnittliches Expansionstempo aufzuweisen. Noch besteht freilich die Gefahr, daß Washington sich von unbequemen Entscheidungen herumdrücken und das Mißtrauen gegenüber der Leitwährung Dollar zunehmen wird. Wenn die Geldverluste weitergehen, wenn der Schatz von Fort Knox gar auf die kritische Grenze von 7 Milliarden Dollar sinken würde (soviel Gold wird Washington wohl in jedem Fall als „strategische Reserve“ für den Kauf lebensnotwendiger Importgüter behalten müssen), dann wäre die „große Krise“ wohl kaum zu vermeiden (siehe Seite 34, „Zuviel Papier in Blessings Kasse“).

Das französische Argument, die Zukunft eines übernationalen Währungssystems dürfe nicht länger von der Schwäche oder Stärke einer einzigen nationalen Währung abhängen, ist durchaus überzeugend. Freilich würde die Verwirklichung von de Gaulles Wunschtraum, die Rückkehr zum Goldstandard, den Welthandel aus Mangel an Liquidität zum Verdorren bringen – ganz abgesehen davon, daß es im Zeitalter des Computers ein Anachronismus ist, die Grundlage einer Währungsordnung darin zu sehen, daß in unterirdischen Tresoren Goldbarren hin und her geschoben werden. Solange Paris kein überzeugendes Konzept anzubieten hat, wird Michel Debré sich wohl vergeblich mühen, eine neue Weltwährungskonferenz zustande zu bringen.

In Stockholm wurde nicht über einen Neubau gesprochen, sondern über Ausbesserungen am alten Gebäude von Bretton Woods. Die „Sonderziehungsrechte“ sind nur ein erster zaghafter Versuch, sich von Gold und Leitwährungen zu lösen. Viel mehr war nicht zu erreichen, weil ein zu starker Druck auf den Dollar die Gefahr heraufbeschworen hätte, daß das ganze Gebäude einstürzt. Und eine Währungspanik wollte kein Land riskieren. Auch Frankreich nicht, wie die Zustimmung Debrés zu der Formulierung beweist, die Regierungen wollten gemeinsam für die Stabilität des Währungssystems sorgen.

Der „Club der Neun“ dürfte also bald wieder zum Zehnerclub werden. De Gaulle kann kaum Interesse daran haben, sich in der Währungspolitik zu isolieren – zumal er sich mit einigem Recht als den eigentlichen Sieger von Stockholm ansehen kann. Alle wichtigen französischen Forderungen wurden erfüllt: Kein Land kann gezwungen werden, sich an den Sonderziehungsrechten zu beteiligen – und die sechs EWG-Länder werden künftig bei wichtigen Beschlüssen des Währungsfonds ein Vetorecht haben.

Das Nein de Gaulles zu den Beschlüssen von Stockholm sollte nicht verdecken, daß die EWG-Länder einen großen Erfolg erzielt haben. Gäbe es statt DM, Franc, Gulden und so weiter schon einen Euro-Franc – längst wäre diese Europa-Währung neben oder gar vor dem Dollar zur Leitwährung geworden. Leider scheint es noch ein langer Weg, bis die EWG endlich eine gemeinsame Währungspolitik definieren oder gar eine Währungsunion bilden wird. Diether Stolze