Von Dirk Bavendamm

Bis zum 31. März, so hatte Generalmajor Gowon zum Jahreswechsel angekündigt, würden die Truppen der nigerianischen Zentralregierung die vor zehn Monaten abgefallene Ostregion Biafra niedergerungen haben. An diesem Tag sollte dann die von Lagos dekretierte Friedensordnung in Kraft treten – eine Neueinteilung Nigerias in zwölf Staaten.

Doch der Termin verstrich, ohne daß Gowon seine Kriegs- und Friedensziele erreichte. Die von allen Seiten hart bedrängte „Republik Biafra“ konnte sich trotz aller Niederlagen unter ihrem Führer, Oberstleutnant Ojukwu, behaupten. Aus der „Polizeiaktion“ der Zentralregierung ist längst ein Stammeskrieg geworden, in dem die Haussas und Fulani aus dem Norden die Ibos, Nigerias einstige Elite, niederringen wollen. Mehr als 100 000 Tote hat der Krieg auf beiden Seiten bisher gefordert.

Zwar gelang es den Bundestruppen in der vorigen Woche, die strategisch wichtige Stadt Onitscha auf dem Westufer des Niger einzunehmen. Den Vormarsch auf die letzte bedeutende Stadt Biafras, den Atlantikhafen Port Harcourt, konnten die Ibo-Krieger indessen noch aufhalten.

Erst kürzlich appellierten der Vatikan und der Weltkirchenrat an die Kriegsparteien, das Blutvergießen zu beenden. Doch Gowon wies den Appell als einseitige Stellungnahme zurück. Sein Gegenspieler Ojukwu erklärte: „Biafra wird weiterkämpfen, bis die letzten Überreste der nigerianischen Armee auf unserem Territorium vernichtet sind.“ Keine Chancen werden daher dem Friedensplan des britischen Commonwealth-Sekretariats eingeräumt, der die feindlichen Truppen nach zypriotischem Muster durch eine internationale Friedensstreitmacht trennen will.

Die Bedingungen, unter denen Gowon zum Frieden bereit ist, sind für Ojukwu unannehmbar. Der Rebell soll die Sezession Biafras widerrufen und die Neueinteilung Nigerias anerkennen. Die dritte Bedingung – vor Verhandlungsbeginn müsse Ojukwu zurücktreten – hatte Gowon vor einem Monat fallenlassen.

Auch Ojukwu hat seinen Verhandlungspreis inzwischen niedriger angesetzt. Die ursprünglich für Biafra geforderte „Souveränität“ wurde auf eine „Autonomie innerhalb assoziierter Staaten“ zurückgeschraubt. Das Haupthindernis für eine Annäherung bleibt aber nach wie vor der Neugliederungsplan, der den Anlaß für die Sezession der Ostregion geliefert hatte. Nach diesem Plan soll Biafra in drei Staaten zerfallen, seine lebenswichtigen Ölquellen im Nigerdelta verlieren und von der Atlantikküste abgeschnitten werden. Auf diese Weise soll die Einheit Nigerias gestärkt und die Lebensrechte der Stammesminderheiten geschützt werden. Die Führer des Nordens stimmten dem Teilungsplan freilich nur deshalb zu, weil sie die Ostregion schwächen wollten. Weigert sich Biafra, dieser Regelung zuzustimmen, dann geht sie allein zu Lasten des Nordens. Er soll in sechs Staaten aufgeteilt werden und damit seine hegemoniale Stellung verlieren.

Generalmajor Gowon, selbst Angehöriger einer Minderheit, steht unter dem Druck der „Falken“ aus dem Norden. Sie sind es vor allem, die Biafra in die Knie zwingen wollen, um ihre Vormachtstellung zu retten.