Von Ben Witter

Wilhelm Bartels mußte Schlachter werden. Sein Vater besaß bereits drei Läden, und Wilhelms Versetzung in die Obersekunda des “Christianeums“ war fraglich.

Vater Bartels hatte oft auf St. Pauli zu tun. Eines Nachts entschloß er sich, das Ballhaus „Jungmühle“, Große Freiheit Nr. 10 bis 12, zu kaufen. Von dieser Stunde ab liefen die Schlächterläden nur noch nebenher. Und „Willi“ – auf St. Pauli sagte niemand „Wilhelm“ zu ihm – stand mit einem Bein in der Wurstküche und mit dem anderen in der „Jungmühle“. Als Willi Geselle geworden war, wurden die Schlachterläden verkauft. Willi wurde Geschäftsführer der „Jungmühle“ und stand von da an mit einem Bein in der „Jungmühle“ und mit dem anderen in der Unterwelt.

Damals wurde viel geschossen auf St. Pauli. Willi kam mit den Kommunisten und Sozis genauso gut aus wie mit den Kokainschiebern, Boxern und Zuhältern. Mit den Nazis, die sich allmählich breit machten, kam er gar nicht aus. So wuchsen seine Sympathien für die Kommunisten und für die „Sozis“. Wenn die Nazis randalierten, ging Willi in den Keller.

Willi mochte keine unnötigen Schwierigkeiten und kam immer gleich zur Sache. Wer etwas von ihm wollte, sagte einfach: „Hallo Willi, hör mal zu ...“ In Rußland wurde er Feldwebel, und seine Leute sagten: „Hallo Willi, hör mal zu ...“ Im letzten Kriegsjahr stand Willi mit einem Bein in einer Ersatzkompanie in Hamburg-Wandsbek und mit dem anderen wieder in der „Jungmühle“.

Kaum war der Krieg zu Ende, baute er das Vorderhaus der „Jungmühle“ auf. Er war der erste auf St. Pauli, der „schwarz“ baute. Der Bau wurde öfters stillgelegt, doch Willi stand plötzlich mit einem Bein in der Baubehörde. Daraufhin erhielt er die erste Baugenehmigung in Hamburg und baute die Nummern 10, 11, 12 und 14 in der Gr. Freiheit wieder auf. Neben der „Jungmühle“ entstand das „Bikini“, und auf das neue Ballhaus wurde ein Hotel gesetzt. Das Ballhaus „Udo“ folgte und an das andere Ende der Gr. Freiheit kam ein Garagenbetrieb mit achtzig Stellplätzen.

Willi kaufte ein Grundstück nach dem anderen. Das Geld dafür lieferte die „Jungmühle“. In einem Käfig saß die Hungerkünstlerin „Mia Lou“ und schluckte jeden Abend heimlich Preludin. Der „Marathontanz“ wurde eingeführt, und gegen Morgen fielen regelmäßig ein paar Dauertänzer um. Der „Unterwasser-Strip-tease“ brachte Willi dann soviel Geld wie das Radrennen rund um die Tanzfläche, und wochenlang wurde in der „Jungmühle“ der Film „Nur eine Nacht“ mit Marianne Hoppe und Hans Söhnker gedreht.