Wieviel redliche Bürger unserer Republik mögen aufgeatmet haben, als sie nach dem SDS-Kongreß in Frankfurt Schlagzeilen lasen wie „SDS-Ohnmacht“ und „SDS uneinig“, oder so beruhigende Sätze fanden wie „Es fällt schwer, den als politische Potenz offensichtlich überschätzten SDS noch ernst zu nehmen“. Wer in den letzten Monaten SDS und Revolution mit Rudi Dutschke gleichgesetzt hatte, mußte die Sache des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes für verloren erachten, hatten doch die Delegierten auf der außerordentlichen Delegiertenkonferenz in Frankfurt stundenlang über den Ausschluß des Berliner Bürgerschrecks diskutiert.

Doch kann nichts darüber hinwegtäuschen, daß der SDS nach wie vor der aktivste und aggressivste politische Studentenverband ist, der die meisten anderen politischen Studentengruppen auf Linkskurs hält und auch für die außerparlamentarische Opposition als Motor unersetzlich ist. Wer aus der recht verworrenen „Parlamentarismus-Diskussion“ in Frankfurt auf Organisationsschwäche, politische Ohnmacht und Entschlußlosigkeit schließen will, hat noch nicht bemerkt, daß es „den“ SDS als geschlossene Einheit noch nie gegeben hat, zumindest nicht seit 1961, seit dem Bruch mit der sozialdemokratischen Mutterpartei.

Immer haben sich im SDS Flügel und Fraktionen bekämpft, immer ragten unter den einzelnen Universitätsgruppen einige schärfer profilierte hervor: Berlin, Frankfurt, Marburg; immer wurde in den Delegiertenkonferenzen und den ungezählten Diskussionszirkeln, Seminaren und Klubs viel palavert, und nicht alles, was dabei an Gedanken und Ideen produziert wurde, war druckreif oder ausgegoren.

Der Frankfurter Kongreß sollte den Standort klären, aber keine Einigkeit demonstrieren. Es ging um die Frage, wie der SDS in den nächsten Bundestagswahlkampf eingreifen soll. „Wir wollten sagen, was wir nicht wollen“, sagte einer der Veranstalter. „Es ging uns nur um die Form.“ Mehrere Vorschläge lagen auf dem Tisch:

1. Koalition mit anderen Linksgruppen, etwa mit der KPD, die dann eigene Kandidaten benennt;

2. Aufstellung sogenannter Protestkandidaten;

3. Abgabe ungültiger Stimmzettel.