Von Werner Mialki

David Irving: „Der Traum von der deutschen Atombombe“; Sigbert Mohn-Verlag, Gütersloh; aus dem Englischen von Jutta und Theodor Knust; 330 Seiten, 16 Bildtafeln, 24,– DM.

Dies ist die tragische Geschichte vom Hochmut deutscher Physiker, von ihrer Unfähigkeit – infolge maßloser Überschätzung der theoretischen Physik –, experimentelle Ergebnisse in technischer Form zu realisieren, und dies alles im Verein mit der Unwissenheit und Kurzsichtigkeit politischer Führer. Man mag dabei über die „Atombombe“, die Sprengwaffe, die auf der Freisetzung der Kernbindungsenergie beruht, denken wie man will: Das Erschütternde ist, daß uns damals durch dieses Versagen auch der Weg zur friedlichen Nutzung der Kernenergie, zum Bau von Kernkraftwerken, für lange Jahre verschüttet wurde.

Bis zum Jahre 1942 etwa waren die Vorarbeiten in Amerika und in Deutschland nahezu im gleichen Maße vorgeschritten, und es steht nach dem Bericht von Irving fest, daß die theoretischen Grundlagen der Kernspaltung bis zu dieser Zeit bei uns ebenso weit entwickelt waren wie in den Vereinigten Staaten. Von da an „traten die Deutschen auf der Stelle“, während in Amerika zielbewußt an den beiden Grundlagen gearbeitet wurde: Entwicklung von Reaktoren zur Erzeugung von Plutonium 239 und Isotopentrennung zur Gewinnung des Urans 235.

Die häufig zu hörende Behauptung, die beteiligten Physiker hätten verhindern wollen, daß in Deutschland eine Atombombe hergestellt wurde, bezweifelt Irving: „Nichts weist darauf hin, daß in irgendeinem Stadium des logischen Entwicklungsprozesses die moralischen Skrupel der Wissenschaftler stark genug geworden wären, um die natürliche Neugier zu überwinden ...“ Die Materialien waren vorhanden, die wissenschaftlichen Talente ebenfalls und schließlich auch die theoretischen Grundlagen.

Die maßgebenden – und untereinander konkurrierenden – Mitglieder des „Uranvereins“ glaubten aber, daß sie und nur sie Reaktoren technisch entwickeln könnten. Das war ein verhängnisvoller Irrtum: In den USA hatte man Fachleute aller Sparten, also auch Ingenieure, so früh wie möglich hinzugezogen, in Deutschland hingegen nicht. Das in Berlin sozusagen auf dem Tisch liegende Gasdiffusionsverfahren wurde gar nicht auf seine Anwendbarkeit für die Isotopentrennung geprüft, jenes Verfahren also, welches schließlich in Amerika und Rußland zum Erfolg führte. Infolge einer falschen Messung eines deutschen Physikers wurde auch niemals der Kohlenstoff (Graphit) als Moderator herangezogen. Schließlich, so erzählt Irving, wußte man in Deutschland auch nichts über die Möglichkeit, die „verzögerten Neutronen“ zur Reaktorregelung auszunutzen.

Das Buch hebt sich von anderen Darstellungen dieser Entwicklung in Deutschland ab, da es lückenlos alle Quellen sorgfältig berücksichtigt; so entstand eine historisch bedeutsame Darstellung jener Zeit und ihrer in tragische Fehler und Irrtümer verstrickten Physiker. Ob allerdings eine solche Darstellung heute noch gewichtig genug ist, muß man sich fragen, denn Technik und Politik sind darüber hinweggeschritten. Das Buch ist in manchen Bereichen, die nichts Wesentliches mit der Sache zu tun haben, zu breit angelegt, zum Beispiel die romanhafte Darstellung der Zerstörung der Schwerwasseranlagen in Rjukam – obwohl nicht zu bestreiten ist, daß gerade diese Stellen besonders spannend sind.