Von Joachim Schwelien

Washington, Anfang April

Amerika rühmt sich, in seiner Geschichte keinen Krieg verloren zu haben; nur der Kampf in Korea wurde unentschieden beendet. Seit Präsident Lyndon B. Johnson am vergangenen Sonntag den Verzicht auf seine Wiederwahl mit der Verkündigung der Einstellung des Bombardements von Nordvietnam verband, ist dieser Glanz für alle Zeit verblaßt.

Freilich bleibt noch offen, wie schließlich der Konflikt in Südostasien beendet werden soll und wie die Regelung aussehen wird, die den Vereinigten Staaten einen ehrenvollen Rückzug ermöglicht. Schon heute aber gilt die unwiderrufliche Tatsache, daß der größten Militärmacht der Welt die Möglichkeit, einen drittklassigen Gegner militärisch zu zermürben, aus den Händen geglitten ist. Der Friede ist nur noch durch einen Kompromiß mit einem hohen politischen Preis für die Vereinigten Staaten zu erreichen.

Um diesen Frieden zu erlangen, hat Hanoi nun nichts weiter zu tun, als den Fall der Dominosteine in Amerika selbst abzuwarten: den Verlauf des Wahlkampfes bis zur Amtseinführung eines neuen Präsidenten. Denn Johnsons Schritt schließt den Aufstieg eines „Kriegskandidaten“ in beiden Parteien, bei den Republikanern wie bei den Demokraten, so gut wie endgültig aus.

Die Abkehr Johnsons von der drei Jahre lang mit größter Hartnäckigkeit verfolgten Strategie des militärischen Drucks bedeutet die Kapitulation vor der Einsicht in die unbändige Gewalt des Gegendrucks, den eben diese Strategie wegen ihres offenkundigen Mißerfolgs unter den Amerikanern aller Schichten erzeugt hat. Der Krieg und seine Nebenwirkungen in den Vereinigten Staaten zerstörten die moralische Rechtfertigung, die jeder Amerikaner für die Politik seines Landes erwartet. Das hat der Präsident anerkannt, doch erst zu einem so späten Zeitpunkt, daß er nun als das bisher bedeutendste Opfer des Vietnamkrieges resigniert. Freilich entschloß er sich hierzu noch so rechtzeitig, daß ihm das Schicksal erspart bleibt, in der Feldschlacht des demokratischen Parteikongresses geopfert zu werden.

Heute versuchen Johnson und das Weiße Haus den Eindruck zu erwecken, als habe der Präsident die Entscheidung, nicht mehr zu kandidieren und auch keine Nominierung anzunehmen, schon vor Monaten gefaßt, die Bekanntgabe aber immer wieder hinausgezögert, um sein Programm im Kongreß nicht vorzeitig zu gefährden. Doch das sind Beschönigungen, die durch fortgesetzte Wiederholung nicht glaubwürdiger werden. Die ungeheure Überraschung über Johnsons Entschluß ist ja gerade darauf zurückzuführen, daß Johnson ein Tatmensch ist. In seiner siebenunddreißigjährigen politischen Laufbahn ist er – so meinte man – nicht von Stufe zu Stufe in das höchste Staatsamt Amerikas aufgestiegen, um eines Tages sang- und klanglos auszuscheiden. Er wollte mehr sein als ein großer Präsident: Er wollte einer der größten Präsidenten in Amerikas Geschichte werden.