Georg Friedrich Händel: „Passion“; Stader, Moser, Esswood, Häfliger, Jennings, Adam, Stämpfli, Regensburger Domchor, Schola Cantorum Basiliensis, Leitung: August Wenzinger; Deutsche Grammophon Gesellschaft Archiv SKL 959/61, 58,– DM bis 31. August, später 75,– DM.

rühere Zeiten hatten noch strengere Bräuche: In Hamburg war zu Anfang des 18. Jahrhunderts das Opernhaus während der Passionszeit geschlossen, Sänger und Orchester standen derweil für weniger säkularisiertes Tun zur Verfügung. Um seinen Mitbürgern während der Karwoche eine „erlaubte Belustigung“ zu bieten, schrieb der Hamburger Ratsherr und Lizentiat der Rechte Barthold Heinrich Brockes 1712 eine Passionsdichtung „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“, eine Nachdichtung einer Evangelien-Harmonie, einer Zusammenstellung aus allen vier Evangelisten also. Das Werk wurde ein Bestseller, die pietistischen Texte wurden zu Haus in Zirkeln vorgelesen, der ehemalige Hamburger Operndirektor Reinhard Keiser fand in ihnen „Gedanken, die noch niemand berührt, Vorstellungen, die das Hertze einnehmen, Beschreibungen, die in die Seele dringen“.

Wann genau Händel darauf ein Oratorium komponierte, ist unklar, 1719 wurde das Stück zum erstenmal in Hamburg aufgeführt – es wurde schnell ad acta gelegt und vom Komponisten später für andere Oratorien ausgeschlachtet. Es mit Bachs Passionen zu vergleichen, ist abwegig: Das Stück hat mit liturgischer Musik wenig zu tun, bietet eher eine Möglichkeit, neben Handels Frühstadium barocke musikalische Klischees zu studieren.

An der „ersten Gesamtaufnahme auf dem Weltmarkt“ ist zweierlei bemerkenswert: August Wenzinger läßt Händel mit farbiger Orchesterbesetzung sehr zügig spielen, das Oratorium ist tatsächlich mehr eine „erlaubte Belustigung“ als ein pietistisches Leidensgemälde – und Zum erstenmal hat man in einer Passionsmusik Choräle als Gemeindegesang begriffen, nicht als sentimentale Interpretationsstücke, und selbst Ernst Häfliger besann sich als Evangelist auf seine Chronistenrolle zurück. Diesen Stil auf ein dankbareres Objekt angewandt – das könnte zu etwas Neuem führen.

Heinz Josef Herbort