Von Dieter Hildebrandt

Dieser Krieg, wie kaum ein früherer, ist unser aller Krieg. Er kommt uns jeden Abend mit dem Fernsehen oder dem Radio ins Haus, von den Träumen nicht zu reden. Morgens in der Zeitung die Bilder von Toten, Verwundeten, Überfallenen, Hungernden. Von zerschundenen, zerfetzten, zerrissenen, zerstückelten, erschossenen Menschen, von versengten Kindergesichtern. Von Leuten, die ihre Köpfe hinhalten, obwohl dieser Krieg über ihre Köpfe hinweggeht.

Dieser Krieg ist unser Krieg. Unsere Städte bersten von dem Protest, unsere Straßen sind voll von den verschiedensten Demonstrationen, die dagegen angehen. Unsere Hörsäle sind erfüllt von der Unruhe, die dieser Krieg bewirkt. Unser Alltag läuft das Risiko der Straßenschlacht. Unsere bundesrepublikanische Leisetreterei wird von Sprechchören aus dem Schritt gebracht. Wir haben einen unübersichtlichen Krieg in einem entlegenen Land – und wir haben doch einen Weltkrieg.

Dieser Krieg ist unser aller Krieg. Was in Vietnam geschieht, spiegelt sich wider im eigenen Land. Vietnam ist mehr als das Stichwort oder die Ausrede unserer Jugend, Vietnam ist längst auch eine Art Bürgerkrieg hier und heute geworden. Ein Bürgerkrieg auch dann, wenn scheinbar ganz andere Kräfte einander gegenüberstehen. In Wahrheit sind es meist Väter und Söhne. Vietnam, auf die halbdeutschen Verhältnisse übertragen, ist ein Familienproblem, ein Generationskonflikt. Zwischen der Sorge von gebrannten Eltern, und einer vor Sorge brennenden Jugend.

Dieser Krieg ist unser aller Krieg. Nur wer das begreift, kann die Vietnam-Konferenz in Berlin, Vietnam-Erklärungen von Intellektuellen, Vietnam-Proteste von Dramatikern verstehen. Nur wer das begreift, versteht das Pathos einer Solidarität, die auf Ansichtskarten von Berlin das Wort SAIGON blockt. Pathos zu lesen als Mitleidenschaft. Nur wer diesen Krieg als unseren begreift, kann die verzweifelte Redlichkeit des Aufrufs ermessen: Schafft viele Vietnams, diesen widersprüchlichen Aufruf, der Frieden mit Unfrieden erkaufen will, der Gewalt in Kauf nimmt, um Terror zu beenden, der Unruhe sät, um in Vietnam Ruhe zu stiften. Oder auch: der, aus Pazifismus, den Krieg weitertreibt.

Dieser Krieg ist unser Krieg. Er betrifft uns alle. Er verletzt uns alle. Er ist die permanente Beweisführung für unsere Unmündigkeit. Denn er ist wider alle Vernunft. Er bedeutet, daß Aufklärung sich selbst ad absurdum führt, er bedeutet, daß Naturwissenschaft sich mit ihren Mitteln widerlegt. Fortschritt betreibt den eigenen Widerruf. Kommunikationsmittel werden zur Vernichtung eingesetzt, Rettungsgeräte wie Hubschrauber geraten zur tödlichen Festung, und im Namen der Freiheit werden Regimes gefördert, die sich nicht zu ihr bekennen.

Es ist ein Krieg, der mit jedem Tag mehr die Motive widerlegt, um derentwillen er geführt wird. Es ist ein Krieg, der den zynischen Medizinerwitz wahrmacht: Operation gelungen, Patient tot. Was beide Seiten unter Menschlichkeit verstehen, mag am Ende proklamiert werden können; ob es aber auch Menschen gibt, die sie noch erleben?