Von Mario Szenessy

Wer es bisher nur geahnt hatte, sieht es jetzt schwarz auf weiß bestätigt: das ewige Sorgenkind des sozialistischen Realismus, „der positive Held“, „der neue Mensch“ war kein Ritter ohne Furcht und Tadel, sondern ein miserabler Feigling, kein Beschützer der Menschen, sondern ein gemeiner Mörder, nicht klug und aufgeschlossen, sondern unendlich dumm und heimtückisch, nicht getragen von einer Überzeugung, sondern von niederen Gelüsten, kein Kämpfer für die Menschheit, sondern deren Verächter und Henker, kein sittenstrenger Puritaner, sondern ein geiler Frauenvielfraß – und das alles schon von Kindesbeinen an.

Als kleiner Bub fand er im Staube der Straße ein Zwei-Zloty-Stück und gab es dem Jungen, der es verloren hatte und heulend danach suchte, nicht zurück; dessen Vater jagte das Söhnchen auf die Straße hinaus, das Söhnchen ging auf den Friedhof und erhängte sich daselbst an seinem Hosenriemen. Der positive Held guckte zu, tat aber nichts dagegen. Er war noch kaum vierzehn – und schon trieb er es mit der liebeshungrigen Frau Podolska: „... die ganze Nacht blieb sie bei mir, und eine Übung hatte sie darin! Wohl fünfzehnmal taten wir das damals, was hatte die da in der Mitte? Einen glühenden Ofen? Fünfzehnmal, ich hab’ es nicht gezählt, aber was braucht man hier viel reden, es war der Rekord meines Lebens...“

So monologisiert am 8. und 9. November 1959 der Chef des Sicherheitsdienstes in einer kleinen polnischen Provinzstadt, Oberst Karol Ostuda in dem Buch von

Piotr Guzy: „Kurzer Lebenslauf eines positiven Helden“, Roman, aus dem Polnischen von Rolf Leitner; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 220 S., 20,– DM.

Oberst Ostuda wird vom Zentralkomiteemitglied Hibisz nach Warschau beordert, wo man ihm Wichtiges mitzuteilen hat; offenbar soll er von seinem Posten abgelöst werden, da seine Person nicht mehr in das liberale Konzept seiner Partei paßt. Während der Vorbereitungen auf die Reise, der Reise selber, der Ankunft in Warschau sowie seiner Besuche bei einflußreichen Parteiführern versuchte Ostuda, sein ganzes Leben zu überdenken und vor sich selber zu rechtfertigen.

Er kennt aus der eigenen Praxis die Methoden der Partei: Wer einmal von seinem Posten abgelöst wird, wird früher oder später auch hingerichtet; er ist zu beschränkt, um einzusehen, daß man es heutzutage nicht gleich zum Äußersten kommen läßt.