Pinneberg

Vor den Toren Hamburgs wurde eine Einrichtung zu Fall gebracht, die sich seit der Zeit ihres Bestehens, von 1965 an, so bewährt hat, daß sie für viele, Ratlose und Hilfesuchende, zur segensreichen Zielstätte geworden ist: die Beratungsstelle für Ehe- und Lebensfragen im Jugendheim der Pinneberger Christuskirche. (1966: 96, 1967: 130 Ratsuchende; Beratungsstunden 1966: rund 1000, 1967: rund 1450.)

Kleinstädtisches Muckertum, konfessioneller Eifer und mangelnde Kenntnisse in medizinischen Fragen, vor allem der Psychotherapie und wahrscheinlich auch eine Portion amtsbrüderlicher Neid herrschten auf der März-Synode der Probstei Pinneberg. Mit 23 Nein- gegen 19 Ja-Stimmen bei 9 Enthaltungen wurde der Leiter des Beraterteams, Bodo Thiel, Pastor in Kummerfeld, aus dem „Schlachtfeld“ geschlagen. Wie kam es dazu?

Zankapfel war die Methode der Betreuungsarbeit. Geleistet von zwei Pastoren (Dr. theol. Gerhard Bartning, Psychologe, Hamburg; Bodo Thiel, examinierter Berater, Leiter und ursprünglicher Initiator der Einrichtung), einem Psychiater (Dr. med. Dieter Klinke, Ulzburg), einer Fürsorgerin (Annegret Knoll, Pinneberg) und einem Juristen (je nach Bedarf). Die fachliche Zusammensetzung einer offiziellen Beraterstelle wird vom Evangelischen Zentralinstitut für Familienberatung in Berlin vorgeschrieben. In Pinneberg war sie adäquat. Synodale Kurt Piening, Pastor von Uetersen und Mitglied eines extra wegen strittiger Fragen berufenen fünfköpfigen Ausschusses, war da (entgegen der vier anderen)anderer Ansicht. Das Attest, womit er sie verdammte, hat eindeutigen Wortlaut. Das Team erscheine, so Pastor Piening, ungeeignet, da Pastor Bartning nicht als Theologe tungiere. sondern als Tiefenpsychologe und als solcher liberale Ansichten entwickele (gemeint ist: vernünftige Sexualberatung, auch bei eventueller vorehelicher Beziehung); Pastor Thiel sei noch nicht lange im Amt (sechs Jahre) und habe wenig Erfahrung als Seelsorger, ein dreimal 14tägiger Kurs beim Evangelischen Zentralinstitut für Familienberatung qualifiziere dafür noch nicht, und Psychiater Klinke sei Katholik.

Das Evangelische Zentralinstitut in Berlin gibt auch die Richtlinien für die Beratung. Sie sind eindeutig: allein not- und sachbezogen. Also ohne Forderung nach Seelsorge (natürlich nicht ohne Möglichkeit). Aber: Freiwilligkeit gilt als Voraussetzung („Freiwilligkeit und persönliche Freiheit des Ratsuchenden dürfen durch Anweisungen des Beraters nicht beeinträchtigt werden“); Hilfestellung nur so weit, daß der Ratsuchende sich selber weiterhelfen kann; Ziel, als einzige Intention des Beraters, daß die Welt des Ratfragenden, daß sein Leben „heil“ werde, im Sinne der eigenen Lebensintention. Ohne religiöse Beeinflussung. Ohne Mission also. Pastor Thiel: „Mission wäre Erpressung, eingeforderter Nutzen, Mißbrauch der menschlichen Not, dementsprechend verpfuscht die Beratung. Sie hätte nichts mehr mit dem Liebesdienst des barmherzigen Ritters gemein. Der hat auch nicht gesagt: Ich habe dir geholfen, jetzt geh schön hin und bete!“ Aber nicht alle Synodalen teilen diese Auffassung: Missionieren – das sei der einzig rechte Weg, Und der Pastor von Uetersen, Wortführer und erbitterter Verfechter der Gegenbewegung, formuliert es so: „Gott hat einen Anspruch auf den Menschen.“ Nicht umgekehrt. Und: „Gottes Brünnlein stillen den Durst der ganzen Welt.“ In das Feld der Eheberatung übertragen, hieße das: Liebe Frau, wenn dein Mann dir untreu ist, gehe hin und bete, er kommt bestimmt zurück ...

Wenn das so einfach war, seufzen auch ernstzunehmende Theologen, Ärzte, Psychologen, Soziologen in aller Welt. Um in Pinneberg, zu bleiben – den Konservativen gegenüber sind das „die Modernen“. Auf Tagungen wie in Pinneberg kann das zu einem Schimpfwort werden oder Anlaß zu Gespött. Die Abstimmung gegen Fortführung der Beratungsstelle in der bisherigen Form hat Leute wie Pastor Thiel und alle, die ihm zur Seite stehen, überrascht. Ihre Sorge gilt, neben der Ausübung ihres Berufs und ohne sich um anderes zu kümmern, der Ehe- und Lebensberatung. Eine Herausforderung zum Beispiel an den promovierten Pastor von Haselau. Er „brauche keinen Spezialpastor für den unteren Teil der Gürtellinie“. Wer psychotherapeutischen Rat brauche, kann ja nach Hamburg fahren...

Aber noch besteht Hoffnung. Auf der nächsten Synode könnten durch einen Antrag von mehr als zehn Synodalen auf neue Beschlußfassung die Dinge wieder ins rechte Lot gerückt werden. Aufruhr, Aufwand und Aufmerksamkeit hätten sich dann wenigstens gelohnt.

Annetilde Richter