Das Meer räkelt sich den Horizont hinauf. und leckt an der Sonne. Das sieht von oben so aus, als hätte es einer zum besseren Betrachter. schräggestellt wie ein großes graues Bild, auf dem gelbe Funken tanzen. Dann steigt der graue Hans mit einem Riesenschritt über die helle Grenzlinie hinweg, und der Sternenhimmel ist plötzlich unten: die Lichter von Zandvoort und Haarlem und die Lichtsignale von Schiphol.

Im Monat April klingen Hollands Superlative wie Rachmaninow im Freien: Blick vom höchsten Hotel (Hollands) auf den breitesten Strand (Europas) und das weiteste Meer. Doch das Hotel („Bouwes Palace“; 70 Meter) riecht nach Kunststoff und Bohnerwachs, und am breitesten Strand (mit „den schönsten Dünen“) krächzen die Raben. Das Meer von Zandvoort gibt vor leeren Häusern Galavorstellungen für Verliebte, Einsame, Sonderlinge. In diesen Tagen lächelt Holland mit schlafenden Blumenaugen wie im Jahte null vor der Erfindung des Tourismus.

Zum Beispiel: Zandvoort wird jetzt mühelos von 16 000 Zandvoortern bewohnt. Die sitzen vereinzelt in den Lunchrooms und essen ein belegedes Broodje und trinken ein Kopie Koffie dazu. Oder sie kaufen sich eine Zigarre aus der Kollektion Schimmelpfenninck oder lassen sich beim Herenkapper einen Bürstenhaarschnitt schneiden oder gehen ins Raadhuis und reden einen Schlag mit ihrem Bürgermeister. Anfang April sind Holländer sehr unauffällig. Keiner hat Klompen an den Füßen, keiner ist bestrebt, Klompen in allen Größen und Ausführungen zu verkaufen oder Delfter Kacheln oder Trachtengruppen oder Postkarten mit Strandansicht und Groeten uit Zandvoort. Wind vom Meer fegt durch die Gassen, füllt die Fugen zwischen den roten Pflastersteinen mit feinem, feinem Sand.

Dabei gibt es in diesem berühmten Nordseebad mit den drei goldenen Heringen im Wappen dreimal soviel Betten wie Autochthone, und in Restaurants, Ferienbuden und Strandkörben Platz für abermals 50 000 Rekreations-Pendler. Denn die Verlockung von Sand und Meer, Schönwetterversprechungen, Familientag und Zandwollten Autorennen ist sehr mächtig und triumphiert zuverlässig über Parkplatznot und feste Verhältnisse. Amsterdam ist nahe: 28 Kilometer und ebensoviele Bahnminuten.

Solch ein Gewimmel möcht’ ich seh’n – niederblickend vom Hoteleinzelzimmer für 36 Guldes täglich (rund 40 Mark) auf Europas breitesten Strand mit den bildschönen Dünen: so viel braune Haut und grüne Strandkörbe und blaues Meer bis an den Himmel, überragt von König Bouwes Spannbetonburg, In der man die Nächte, die nicht lang und nicht sündig sind, möglicherweise zum Teil mit der Nachttischlektüre verbringt, dem Nieuw Testament met de Psalmen.

Dieses Jahr sind in Holland die Tulpen Anfang April noch in den Winterferien. Die Windmühlen haben so etwas Staubgewischtes. Große Schiffe, die mitten durchs Land fahren, drohen all; Augenblicke von den Kanälen auf die Straßen überzuwechseln. Auf den Wiesen hüpfen Osterlämmer. Glockenspiele machen die Musik dazu. Und die Meisjes sehen aus, als seien sie Märchenprinzessinnen und hießen Beatrix.

Anfang April kriegt man beim Bummel durch Holland im Handumdrehen ein Gullivergefühl. Da klingen Hollands Diminutive wie ein Menuett in der Puppenstube, musiziert auf einem zirpenden Cembalo. Die schnurrigen Häuslein und die Stübchen, die Mägdlein so busper und die Lämmlein so zart, alles, so scheint’s, ist versehentlich ein bißchen zu klein geraten (mit Ausnahme, versteht sich, der großen Schiffe und von „Bouwes Palace“), zu klein, als daß man sich’s leichtsinnig und leichtfertig um die Schultern werfen könnte.

Wolfgang Boller