Von Joachim Schwelien

Washington, Anfang April

Am Sonntagabend steht Präsident Lyndon B. Johnson vor den Fernsehkameras im Weißen Haus – aufgeräumt und gelockert. Die Pressekorrespondenten haben seit anderthalb Stunden den Text seiner Ansprache in Händen und finden bestätigt, was in den vergangenen Tagen durchsickerte: keine großen Verstärkungen nach Vietnam, Beginn der Herabstufung des Krieges durch eine teilweise Beendigung der Luftoffensive gegen Nordvietnam: bedingungslos und unbefristet. Wenn das auch nur ein erster Schritt ist, so bedeutet dieser Entschluß doch einen radikalen Bruch mit einer Politik, die drei Jahre lang starr und entschieden verfolgt wurde und zu einem beispiellosen Engagement in Vietnam geführt hat – vorgezeichnet von Dean Rusk, beflügelt durch den Optimismus des Chefberaters im Weißen Haus, Walt Rostow.

Johnson ist nun umgeschwenkt auf die Empfehlungen seiner Kritiker im Senat: Fulbright, McCarthy und Kennedy, er sagt den „Falken“ Valet. „Heute abend tue ich den ersten Schritt zur Herabstufung des Konfliktes in der Hoffnung, daß diese Aktion bald zu Gesprächen führen wird. Wir vermindern – und wir vermindern beträchtlich – den Grad der Feindseligkeiten. Und wir tun das einseitig und sofort. Ich habe heute abend unserer Luftwaffe und unserer Marine befohlen, keine Angriffe gegen Nordvietnam zu führen, ausgenommen im Gebiet nördlich der entmilitarisierten Zone, wo der fortgesetzte Aufbau des Gegners vorgeschobene Stellungen der Verbündeten direkt bedroht und wo Truppenbewegungen und Materialnachschub eindeutig in Verbindung mit dieser Bedrohung stehen.

Auch diese begrenzte Bombardierung des Nordens könnte bald eingestellt werden, wenn unserer Zurückhaltung seitens Hanois entsprochen würde.“

Mit dieser Ankündigung hat Präsident Johnson die „Formel von San Antonio“ teilweise aufgegeben, in der die Beendigung der Luftoffensive für den Fall zugesagt wurde, daß baldige und fruchtbare Verhandlungen mit Hanoi Zustandekommen. Sie galt den Gegnern der Kriegspolitik als Kernstück der Kompromißlosigkeit. Jetzt bietet Johnson eine Vorleistung an. Er verweist auf die Opfer der Vietnamesen, auf die Belastungen des amerikanischen Volkes. Er schreibt Südvietnam nicht ab, schon Montag werden die amerikanischen Maschinen wieder bis dicht unterhalb der Linie Hanoi–Haiphong Straßen und Brücken bombardieren. Aber die Schwenkung ist vollzogen, sie kann kaum noch rückgängig gemacht werden.

Als Robert McNamara im Gebäude der Weltbank als ihr neuer Präsident erscheint, sagt er: „Dies ist der erste Schritt zur De-Eskalation.“ In Wellington (Neuseeland), auf der Konferenz der südostasiatischen Verbündeten, spricht Rusk von einem neuen Beginnen. Die amerikanische Politik hat den Weg zur Beendigung des Krieges in Vietnam eingeschlagen.