In einer großen staatsmännischen Rede, die die ganze Welt als Sensation empfand, hat US-Präsident Johnson zu Beginn der Woche angekündigt, daß er nach Ablauf seiner Amtszeit im Januar 1969 abtreten und daß er den Vietnamkrieg ab sofort einseitig deeskalieren werde.

Nach den Worten Johnsons sollen die Bomben- und Schiffsartillerieangriffe auf Nordvietnam ab sofort nur noch die Bereitstellungsräume und Nachschublinien nördlich der entmilitarisierten Zone erfassen. Amerikanische Flugzeuge bombardierten am Dienstag Ziele, die sogar 340 Kilometer nördlich der Demarkationslinie lagen.

Der Präsident appellierte an Ho Tschi Minh, auf die Deeskalation positiv zu reagieren. Er forderte die beiden Kopräsidenten der Genfer Indochina-Konferenz, die Sowjetunion und Großbritannien, auf, sich für einen echten Frieden in Südostasien einzusetzen. Für etwaige Friedensgespräche stehen Sonderbotschafter Harriman und der US-Botschafter in Moskau, Thompson, bereit.

Kein Ereignis seit der Ermordung seines Vorgängers John F. Kennedy am 22. November 1963 hat die amerikanische Nation mehr bewegt als die Ankündigung Johnsons, abzutreten. Eine historische Parallele läßt sich höchstens zu Präsident Truman ziehen, der 1952 vor den Problemen des Koreakrieges und der wirtschaftlichen Stabilisierung seines Landes resignierte.

Johnson soll sich schon bei den Vorbereitungen für seine „Botschaft über die Lage der Nation“ Mitte Januar zum Verzicht durchgerungen haben.

Wie es heißt, soll Mrs. Johnson den Präsidenten in seinem Entschluß besonders bestärkt haben. Trotz eines Herzinfarktes und mehrerer Operationen, die Johnson über sich ergehen lassen mußte, sollen Gesundheitsrücksichten angeblich keine Rolle gespielt haben.

Johnson sagte: „Wenn Tag für Tag Amerikas Söhne weit weg im Felde stehen, wenn Amerikas Zukunft hier im eigenen Land bedroht ist, wenn unsere und der Welt Hoffnungen auf einen ausgewogenen Frieden gerichtet ist, dann, so glaube ich, darf ich keine Stunde oder keinen Tag für persönliche Parteiangelegenheiten oder für andere Aufgaben als die gewaltigen Pflichten dieses Amtes, des Amts des Präsidenten ihres Landes verwenden. Daher werde ich die Nominierung meiner Partei für eine weitere Amtszeit als ihr Präsident nicht anstreben und sie auch nicht annehmen.“