In Salzburg ohrfeigte Herbert von Karajan einst einen Photographen. Er ist allergisch gegen Blitzlicht. Klaus Hennch, ein in Zürich lebender Photograph, der „versessen“ ist auf „musikalische“ Aufnahmen, schildert seine Erfahrungen im Umgang mit dem Dirigenten.

Salzburg 1965, eine Pause während der Probe der Karajan-Inszenierung von „Boris Godunow“. Ein Heer von Photographen wartet darauf, daß sich der Vorhang zum nächsten Bild öffnet. Ich möchte gern „so nebenbei“ einige Photos vom Dirigenten am Regiepult machen, stelle mich, weitab mit meinem Teleobjektiv in eine verborgene Ecke, da stürzt plötzlich jemand mit verzweifeltem Gesichtsausdruck auf mich zu und ruft: „Nicht photographieren, verboten!“ Karajan zu photographieren ist anscheinend ein lebensgefährliches Unterfangen.

Aber Menschen, um die ein solcher Wirbel gemacht wird, haben schon von jeher meine Neugierde herausgefordert.

In Luzern gibt Karajan mit „seinen“ Berliner Philharmonikern zwei Konzerte, mit etwas Herzklopfen stehe ich in meinem Versteck, höre mir in der Generalprobe eine sehr sportive, aber klangselige Vierte von Schumann an und mache meine Bilder. Ich fahre nach der Probe schnell nach Zürich, entwickele die Filme, mache die Vergrößerungen und begebe mich nach Luzern. Große Frage: Wie kommt man an den Maestro ran? Wird er mir einige Photos zur Veröffentlichung freigeben?

Glück muß der Mensch haben, vor allem im Verkehr mit den Göttern.

Frau von Karajan kommt mit André von Mattoni, Karajans Privatsekretär, auf mich zu und fragt: „Können Sie mir helfen? Meine Polaroid-Kamera ist defekt.“ Ich beseitige ihr Problem – und hoffe nur noch darauf, daß sie mein Problem erledigt.

Der Orchesterdiener Heinz Bartlog – ein Faktotum comme il faut; sein breiter Rücken gab mir eminente Sicherheit in der kommenden Situation – legt die Photoserie auf eines der Notenpulte, die Karajan passieren muß. Er kommt, Bartlog: „Herr von Karajan, kucken Se mal, wat mein Freund für schöne Bilder von Ihnen gemacht hat.“ Sagt’s und verschwindet im Schatten. Karajan, mit kritischen Augen die Bilder betrachtend: „Was wollen Sie damit machen?“ Nun ja, sage ich, sie den Schallplattenfirmen anbieten zum Beispiel und: „Sie können ja auswählen.“ Der Dirigent: „Wann sind die Bilder gemacht worden?“ „Nun, einmal...“Er: „Na ja, Sie können mir ja nichts vormachen, ich weiß ja, wo das ist – ist ja eigentlich verboten zu photographieren!“ „Stimmt.“ „Aber“, gebe ich zu bedenken, „wenn man aber von etwas besessen ist, wie Sie zum Beipsiel von Ihrer Musik, dann ...“ Der Maestro ist verdutzt, eine solche Entgegnung ist er nicht gewohnt.