Ottomar Borwitzky ist seit 1956 Mitglied der Berliner Philharmoniker und erster Solocellist dieses Orchesters. Anfang des Jahres führte Karajan mit den Philharmonikern Pendereckis „Polymorphia“ auf, das die Streicher der Münchner Staatsoper abgelehnt hatten. Wie studiert Karajan ein so neuartiges Stück ein?

Polymorphia von Penderecki war für uns natürlich schon etwas Außergewöhnliches, weil es dort kaum traditionelle Notierungen gibt, sondern hauptsächlich nur Zeichen, Balken, Punkte, Wellenlinien, die vorn in den Stimmen erklärt waren. Wir haben uns dieses neue Stück natürlich vorher angesehen. Karajan kam dann, machte verschiedene Proben, keine länger als allerhöchstens eine halbe Stunde, ließ uns dabei frei spielen, ging sofort auf andere Sachen über, nahm es immer wieder einmal zwischendurch vor, so daß das Stück niemandem „über“ wurde.

Denn das ist klar: In einem solchen Orchester sind auch viele ältere Kollegen, die diese Moderne nicht so schnell „fressen“ wie unsereiner, und denen läßt Karajan Zeit. Er ist nicht hektisch wie manch ein anderer Dirigent bei moder-Stücken, bei denen immer nervöse Spannung herrscht. Karajan hat seinen Spaß daran, wenn wir uns auch einmal amüsieren über diese neuen Dinge, auch bei uns hat es Diskussionen gegeben – „auf Instrumenten so etwas zu spielen; mit guten Bögen auf die Pulte zu schlagen“ – und wir nahmen nicht unser bestes Material dafür.

Alles in allem hat er für Polymorphia etwa zweieinhalb Stunden gebraucht, und das ist doch eine wahnsinnig kurze Zeit, in der er das Stück so vorbereitete, daß auch der Komponist später sehr zufrieden war und gestand, das Werk beinahe nicht wiedererkannt zu haben.

Karajan erreicht solche kurzen Probezeiten vor allem durch seine Gelöstheit, in der er probiert; er verlangt von niemandem Unmögliches. Zum Teil hat er sich die neuartigen Effekte zeigen und vorführen lassen, hat dann daran probiert, um sie noch besser, klarer, deutlicher zu bringen – und dann lief’s halt.

Die Partitur ist beispielsweise nach Sekunden unterteilt. Karajan guckt da nicht – wie andere, die so etwas perfekt machen wollen und die Musik dabei in eine Zwangsjacke pressen wollen – auf die Uhr, sondern hat die Zeit offenbar im Gefühl, und es stimmt denn auch.

Seine Proben sind ökonomische Proben. Natürlich zehrt er heute bereits von der Probenarbeit von mehr als zwölf Jahren, so daß er jetzt nicht mehr die Zeit aufwenden muß, die er früher aufzuwenden hatte, um den Stil, den Klang, den er sich vorstellt, zu erreichen. Er redet kein Wort zuviel – und da kann man bei manchen anderen einiges erleben –, probiert nichts Überflüssiges, holt immer nur bestimmte nichtige Dinge hervor, probiert nie eigentlich im Zusammenhang ein ganzes Werk, das Ganze überläßt er dem Abend, dem Konzert.